494 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus .
Eine so eingehende Darlegung des modernen Bauwesens warnotwendig, um das richtige Verständnis zu gewinnen für die Ab-liängigwerdung bauhandwerksmäfsiger Existenzen vom Kapital.Der Deutlichkeit halber sei noch einmal hervorgehoben, dafs es sichhier einstweilen nur um den Fall handelt, dafs die Bauausführungselbst noch nicht kapitalistischen Unternehmungen anheimgefallenist, sondern nach wie vor in den Händen „selbständiger“ Bau-handwerker ruht.
Wenn wir nun deren Abhängigwerdung vom Kapital verstehenlernen wollen, so müssen wir 2 Fälle scharf von einander sondern.
Den einen Fall will ich als den der legalen Unterwerfung, denandern als den der schwindelhaften Ausbeutung bezeichnen. Jenererste Fall (der legalen Unterwerfung) tritt überall dort ein,wo der Bauhandwerker statt wie früher der Regel nach mit einemprivaten Bauherrn, mit einem kapitalistischen Unternehmer seineVerträge abschliefst: mag dieser ein „Zwischenunternehmer“ dereben charakterisierten Gattung oder ein solider Architekt odereine Bauunternehmung, ein Baugeschäft oder sonst etwas, magder Bau ein Bestellungs- oder ein Spekulationsbau sein. Immerhat sich jetzt die Situation insofern zu Ungunsten des Bau-handwerkers verschoben, als er mit einer Gegenpartei zu thunhat, die nach Profit strebt und den eigenen Profit zu vermehrentrachtet dadurch, dafs sie den Gewinn des Handwerkers selberzu verringern sucht. Man bemüht sich, diesen letzteren in einenmöglichst erbitterten Konkurrenzkampf mit seinen Genossenhineinzutreiben, was bei der naturgemäfs schwachen Positionder Kleinhandwerker in der Regel nicht schwer fällt. Das überauswirksame Mittel, dessen man sich zu diesem Zwecke bedient, istdas Submissionsverfahren 1 : die Handwerker werden auf-
sind schwindelhafte Unternehmungen, ausgeführt von Skrupel- und mittel-losen Unternehmern, die häufig nur darauf rechnen, auf Kosten der leicht-gläubigen Bauhandwerker (vgl. unten S. 496 ff.) eine Zeit lang üppig zu leben.Errichtet ist das Haus meistens auf einem Terrain, das durch die Spekulationunnatürlich verteuert ist. Ist es da ein Wunder, wenn sich nur solche Leutezum Hausbauen finden, die nichts mehr zu verlieren, aber alles zu gewinnenhaben? Wenn es dem Unternehmer eines solchen Baues gelingt, vier Wochennach der Vollendung das Haus zu verkaufen, so ist es gut, wenn nicht, dannkommt das Haus zur Subhastation; der Hausbesitzer greift fröhlich zumWanderstabe, und ein Trost ist ihm geblieben: weniger als vorher konnteer auch jetzt nicht haben.“
1 Das Submissionsverfahren ist das normale Verfahren bei öffentlichenBauten. Doch pflegen sich bei diesen meist nur die gröfseren selbst kapital-