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532 Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus .
Daraus scheint mir hervorzugehen, dafs man unrecht thut,eine auch nur über die Mindestgröfse hinausgewachsene grofs-städtische Fleischerei noch als Handwerksbetrieb anzusprechen 5 deroben verzeichnete „Mittelbetrieb“ ruht doch durchaus schon auf(handels-)kapitalistischer Basis.
B. Bekleidungsgewerbe.
An der Schuhmacherei können wir besonders deutlichjenen Stufengang verfolgen, den der kapitalistische Grofsbetrieb inden meisten Gewerben durchgemacht hat: von Einzelartikeln, Halb-fabrikaten, Hilfsstoffen allmählich zum Fertigfabrikat des altenSchusterhandwerks und von noch vor ein paar Jahrzehnten be-scheidenen Manufakturen mittlerer Gröfse zu rasch wachsendenFabrikbetrieben.
Was lange Zeit aus dem Arbeitsgebiet im Schuhmachergewerbeallein von der Fabrik occupiert worden war, war die Herstellungder Schäfte. Das Aufkommen der Schäftefabriken hängtaufs engste mit der Einbürgerung der Nähmaschinen zusammen.Sie entwickeln sich in Deutschland seit den 1850er und 1860erJahren aus dem Lederausschnittgeschäft, dessen Bekanntschaft wirbereits zu machen Gelegenheit hatten (vgl. S. 451). Der kapital-kräftige Ausschnitthändler und neben ihm wohl auch unter-nehmende Leder-engros-Geschäfte begnügten sich allmählich nichtmehr damit, ihren Kunden das zugeschnittene Leder zu ver-kaufen, sondern sie besorgten mit Hilfe der Nähmaschinen ihnendie Schaftarbeit und beschränkten damit das Handwerk auf dieBodenarbeit. Während man ursprünglich nur glatte Modelle auseinem oder ganz wenig Stücken verfertigte, indem man sichden handgenähten Schaft des Meisters zum Vorbild nahm, lieferteman bald elegante Zierschäfte mit Besätzen, Kappen, Knöpfenu. s. w., die schnell beliebt wurden. Eine Reihe schnell einge-bürgerter Hilfsmaschinen gestaltete den Arbeitsprozefs zu einemimmer volllcommneren 1 . Nun war die Situation Jahrzehnte lang
1 U. IY, 49 f. Zu diesem Abschnitt ist au Litteratur zu vergleichenvor allem wiederum eine Reihe wertvoller Monographien in U., von denendie Arbeiten über Breslau, Leipzig, Württemberg am eingehendsten dieEntwicklung des Grofsbetriebes in der Schuhmacherei behandeln. Ferner istzu nennen E. Francke, Die Schuhmacherei in Bayern. 1893. Das Tempoder Entwicklung gerade der Schuhmacherei zu höheren Formen ist in Deutsch-land während der letzten Jahre ein so rasendes, dafs die Litteratur über diesen