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Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus.
in Deutschland , ist selbstverständlich ausgeschlossen. Wenn wiraber den Berichten aus Stadt und Land, die uns in reicher Füllevorliegen, wenn wir unseren eigenen Beobachtungen Glaubenschenken wollen, so können wir getrost sagen, dafs der Fabrik-stiefel im Begriffe ist, die Alleinherrschaft auf dem Schuhwaren-markte an sich zu reifsen. Er dehnt sein Herrschaftsgebiet nach zweiSeiten hin aus: in die Sphäre der bisher hausindustriell, und in die-jenigen der bisher handwerksmäfsig hergestellten Artikel. Besondersist es wohl die gute Mittelware, die am meisten der fabrikmäfsigenProduktion anheimfällt, d. h. gerade das Specifikum des altenHandwerks. Die geringsten Qualitäten von Schuh werk verbleibennoch eine Zeit lang der alten Hausier- und Marktschusterei, dieaber ebenfalls ihrem Untergang mit Riesenschritten zueilt 1 2 , diebesten dem kapitalistischen Mafsgeschäft in den Grofsstädten, indem der Preis keine Rolle spielt. Was dazwischen liegt, scheintrettungslos der mechanischen Fabrik verfallen. Was die letzterefür einen enormen Preisdruck in neuerer Zeit herbeigeführt hat, isterstaunlich: Herrenstiefeln zu 7 Mk., Damenstiefeln zu 5 Mk. sindjetzt gangbare Artikel geworden!
In Deutschland bestehen jetzt etwa 1000 Schuhfabriken, dieeine ausgesprochene Tendenz nach Yergröfserung 3 und Vervoll-kommnung ihrer Betriebsweisen haben. Sie sind zwar über dasganze Reich zerstreut. Doch haben sich im Lauf der Zeit berühmteCentren der Schuhgrofsindustrie herausgebildet, wie Breslau, Mainz, Dresden, Frankfurt a. M. Die bedeutendste Schuhmacherstadt Deutsch-land ist aber Pirmasens in der Rheinpfalz. Auch hier habenerst die letzten Jahre den entscheidenden Aufschwung gebracht: sowurden 1889 = 19; 1890 = 29 Schuhfabriken daselbst neu errichtet.Schon Mitte der 1890er Jahre bestanden in diesem seltsamen Orte:98 Schuhfabriken, 6 Absatzfabriken, 1 Leistenfabrik, mehrereRosettenfabriken, 14 Grofsgerbereien, 25 Lederhandlungen, 1 Schuh-maschinenfabrik mit 40 Dampfmaschinen. Die Zahl der in derSchuhindustrie und ihren Hilfsgewerben beschäftigten Personen
1 Friedrichowicz, a. a. O. S. 121 ff.
2 So hatte z. B. die Leonberger Schuhfabrik (Württemberg ) im Jahre
1888 100, im Jahre 1890 dagegen 300 Arbeiter: U. III, 251. Einen ähnlichenEntwicklungsgang hat eine grofse Breslauer Schuhfabrik in diesem Zeitraumdurchgemacht. 1894 befand sich die gröfste deutsche Schuhfabrik in Erfurt .Vgl. darüber F. Kegel, Die wirtschaftlichen und industriellen VerhältnisseThüringens im officiellen Katalog der Thüringer Gewerbe- und Industrie-ausstellung zu Erfurt 1894.