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entwickeln — trotzdem also halte ich es für wünschenswert, einenspeciellen Abschnitt der Entwicklung des Kapitalismus auf kunst-gewerblichem Gebiet zu widmen, weil zwischen kapitalistischemGrofsbetriebe und Kunstgewerbe ein engerer Zusammenhang alszwischen jenen und irgend einem anderen Zweige gewerblicherThätigkeit zu bestehen scheint und dieses Faktum mit einer merk-würdigen Konstanz immer wieder verkannt zu werden pflegt. Da-her die Notwendigkeit einer ausdrücklichen Hervorhebung!
Was sich mit einiger Sicherheit nämlich behaupten läfst, istdieses: dafs die Entwicklung des modernen Kunstgewerbes in allenKulturländern engstens mit der Entfaltung des Kapitalismus ver-knüpft ist: im Guten wie im Schlechten 5 dafs seit Menschenalternvon einem Kunsthandwerk keine Rede mehr ist, sondern 99°/oaller sich als kunstgewerbliche Erzeugnisse gebenden Produkte auskapitalistischen Grofs- und Gröfsestbetrieben stammen.
Ich beginne meine Übersicht mit den Metall verarbeiten-den Gewerben.
Die Gold- und Silberwarenindustrie war in Deutsch-land sogar schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts auf dem Wegezur grofsbetrieblichen Gestaltung. Hatte doch Berlin ( !) bereits1849 (!) 7 Gold- und Silberwarenmanufakturen mit nicht weniger q
als 125 Arbeitern, 1863 aber bereits 23 mit 43 dirigierenden und711 ausführenden Hilfspersonen 1 . Heute sind Hauptsitze dergenannten Industrie in Deutschland Pforzheim und Hanau beiFrankfurt a. M. In Pforzheim bestanden (1895) 918 Betriebe, dienicht weniger als 12200 Arbeiter beschäftigten (U. VIII, 193) 2 .
Andere hervorragende Weltfirmen dieser Branche haben ihren Sitzin Berlin (Sy & Wagner, Friedländer u. a.), in Heilbronn ( Bruck-mann & Söhne) mit 400 Arbeitern, in Schwäbisch Gmünd ( Hauber).
Nahe verwandt mit der kunstgewerblichen Gold- und Silber-bearbeitung ist die künstlerische Herrichtung anderer Metalle,namentlich des Kupfers, der Bronze und einiger anderen Legie-rungen, zu Statuen, Gefäfsen, Beleuchtungskörpern, Nippes u. dergl.
Hier sind eine Reihe chemischer und mechanischer Verfahrungs-weisen vereinigt worden, wie die Ciselierkunst, die Giefserei, die
1 Festschrift zur Feier des 50jährigen Bestehens der Berliner Kauf-mannschaft am 2. III. 1870. Berlin o. J. S. 109. Die allgemeinen Berufsstatistikenneueren Datums sind wieder kaum verwendbar, weil sie unter der Gold- undSilberwarenfabrikation die reparierenden und verkaufenden Juweliere aufzählen.
2 Vgl. jetzt J. Wernsdorf, D. kapit. Konzentr.Gesetz i. d. Pforzheim .
Bjouterieind. 1899.