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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
Entstehung
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581
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Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. 581

Wenn ich die Sclimiederei als Landhandvverk par excel-lence anspreche, so meine ich denjenigen Teil des Schmiedegewerbes,den man als Grob- oder Hufschmiederei zu bezeichnen pflegt. Denndie übrigen Specialitäten der Schmiedearbeit: Zirkel-, Ketten-,

Nagel-, Messer-, Kupfer-, Gold- etc. Schmiederei sind ebenso sehrstädtischen wie ländlichen Charakters. Ihre Entwicklung hier zuverfolgen liegt um so weniger Veranlassung vor, als sie heute be-reits fast völlig der Vergangenheit angehören. Was vom Schmiede-handwerk dagegen noch Interesse hat, weil es noch Leben besitzt,ist dem Gebiete der Grobschmiederei zuzurechnen und recht eigent-lich ländliches Gewerbe.

Auch über diesen wichtigsten Zweig des alten Schmiedehand-werks sind die Stürme der Zeit hinweggegangen, nicht ohnemerkliche Spuren zu hinterlassen. Vieles aus seinem alten Pro-duktionsgebiet ist ihm genommen worden. So fast gänzlich dieGrobwerkzeugfabrikation, d. h. die Anfertigung von eisernenKleingeräten, als Hacken, Spaten, Hämmern, Gabeln, Haspen,Schrauben etc. L Erben: die Kleineisenhausindustrie oder schonder Grofsbetrieb. Auch die Verfertigung landwirtschaftlicher Ge-räte oder wenigstens die Mitwirkung dabei geht dem Schmied indem Mafse verloren, als die Geräte oder gar Maschinen in Eisenkonstruiert und dann von Fabriken bezogen werden 1 2 .

Auch als Hufschmied hat er Verluste zu verzeichnen: auf dereinen Seite hat sich die Technik des Hufbeschlagens selbst zuseinen Ungunsten verändert, seit die Eisen fertig oder wenigstensvorgearbeitet aus dem Eisenwarenladen mitsamt den fertigen Nägelnbezogen werden 3 . Der Hufschmied hat seitdem nur noch die Thätig-keit des Anpassens und Anschlagens des Eisens auszuüben. Auf

1 Konstatiert für Nakel und Umgebung U. IV, 234 f., Bauerndorf Gah-lenz V, 18.

2 Für Nottingen-Darmsbach U. VIII, 70/71; schlesisches Dorf KrampitzU. IX, 516. Uber den Wagenbau vgl. unten S. 583. Übrigens war die An-fertigung dieser Gegenstände vielerorts schon seit langer Zeit besonderenWerkzeugschmieden zugefallen, aus der Grobschmiederei damit also bereitsausgeschieden. (Loquard [Ostfriesland ] VII, 590.)

3 In Nakel und Umgegend werden die Nägel sämtlich, die Hufeisen fastsämtlich fertig bezogen (U. IV, 240 f.), ebenso im badischen Dorfe Mefskirch(U. VIII, 20). Das gleiche habe ich für schlesische Dörfer konstatierenkönnen. Für die Schweiz vgl. Fachberichte aus dem Gebiete der Schweiz .Gewerbe (1896) S. 166/67. Auch das Schärfen der Stollen ist vielfach weg-gefallen, seit abnehm- und ersetzbare Schärfestücke von der Fabrik geliefertwerden.