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Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus.
der Leser wolle auf diesen Ausdruck genau acht geben! — noch heutein den genannten Gewerbezweigen sich als Verfertiger neuer Warenerhalten haben oder gar in ihrer Weiterexistenz gesichert er-scheinen. Bei einigen dieser Handwerke ist es die Bedarfsverschie-bung, die ihre Existenz untergraben hat; bei der Mehrzahl jedochdie Konkurrenz des gewerblichen Kapitalismus, der in den ver-schiedensten Formen, wie wir gesehen haben, das Produktionsgebietdieser alten Handwerke zu erobern verstanden hat.
Und nun sollen einige quellenmäfsige Belege dieses Urteil be-kräftigen :
Ich beginne mit dem personenreichsten aller Handwerke, derSchuhmacherei. Von den Berichten, die uns vorliegen, werdeich diejenigen unberücksichtigt lassen, die sich auf ehemalige„Schusterstädte“ beziehen, weil in diesen die Schuhmacherei schonlängst nicht mehr das Gepräge des echten Handwerks trägt. Essei gestattet, die Urteile der verschiedenen Berichterstatter imReferatstil ohne Kommentar wiederzugeben: es erleichtert einesolche trockene Darstellung die Übersicht:
Breslau: „Das (Schuhmacher-) Handwerk in Breslau lebt
heute gröfstenteils von der Flickerei, wenn es auch noch für einenengbegrenzten Kreis der mäfsig wohlhabenden Bevölkerung einenTeil der Neuarbeit anfertigt. Auch auf seinem ihm das Geprägegebenden Arbeitsgebiet, der Flickerei, erwächst ihm allmählich einefühlbare Konkurrenz der kapitalistischen Unternehmung“ (U. IV, 68).
Leipzig: „Das alte Schuhmacherhandwerk . . . ist . . . im
Aussterben begriffen. An (seine) Stelle streten mechanische Schuh-fabriken . . . und grofse Ladengeschäfte in Verkehrscentren“(U. II, 309).
Karlsruhe: „Die Zukunft des Schuhmachergewerbes wird von
keiner Seite günstig beurteilt“ (U. III, 65) *.
Altona: „Die Reihen der besser Situierten, welche sich nochbeim Handwerker (?) anmessen lassen, lichten sich zusehends;überall findet die Sitte Eingang, im Laden zu kaufen“ ; „das Schuh-machergewerbe geht von Jahr zu Jahr stetig zurück, weil (?) die
1 Wenn der Berichterstatter über die Karlsruher Gewerbe die „Hoffnung,dafs das Kleingewerbe nicht völlig von der Fabrik verdrängt werde“, nichtaufgeben will, so beruht das auf seiner Verwechslung von Handarbeit undHandwerk. Gewifs wird erstere immer ihre Beize auch in der Schuhmachereibehalten, aber wir wissen schon von früher her (vgl. S. 510), dafs heute ge-rade die feinste Mafsarbeit bei kapitalistischer Organisation des Ge-werbes besorgt wird.