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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
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Sechsundzwanzigstes Kapitel. Das Handwerk in der Gegenwart. 595

lichkeit sind die Sorgen des Meisters vielfach so endlos, wie seineBemühungen, sich mit allem Aufgebot von Fleifs und Sparsamkeitnotdürftig über Wasser zu halten. Und wenn er dann (a. a. O.S. 134) die Worte eines Fachmanns citiert, die also lauten:Werein Schneider sein will nach Art unserer Vorgänger, im be-dächtig langsamen, einfachen Arbeitsgange, wird bald merken,dafs für ihn kein Platz mehr in der neuen Zeit übrigbleibt, er mufs wider Willen verschwinden. Nur wer das Schick-sal, das heifst sein eigenes, an der Stirnlocke erfafst, wer nichtblofs arbeiten gelernt, sondern fach- und kaufmännische Kenntnisseund Gewandtheit in der Geschäftsführung sich angeeignet hat,kurzer Hand, wer im Sinne des Wortes Schneider und Kaufmannzugleich ist, dem blüht auch heute noch eine sichere Zukunftso spricht er damit offenbar wider seinen und seines Gewährs-manns Willen das richtige Urteil aus, dafs alles vom altenSchneidergewerbe, was nicht der Konfektion verfallen ist, in Zu-kunft in dem (ev. klein-) kapitalistischen Mafsgeschäft aufgehenwird.

Deutlicher lautet der Bericht aus Breslau :Mittellose

Schneidergesellen, die sich in einer Stadt wie Breslau ,selbständig'machen, d. h. heiraten und eine eigene Werkstatt, eine Stube miteinigen Möbeln, einer Nähmaschine, einem Bügeleisen u. s. w. ein-richten, verzichten jetzt gewöhnlich schon von Anfang an darauf,nur von Kundenarbeit leben zu wollen; sie richten sich von vorn-herein darauf ein, für ein Konfektionsgeschäft oder gar unter einemZwischen- oder Schwitzmeister zu arbeiten (U. VII, 36). Aberauch der Schneider, der tüchtig in seinem Fache ist und einigesKapital zur Gründung eines Betriebes hat, vermag sich heute nurschwer zu halten. Sie sinken entweder sehr bald zu Heimarbeiternherab, oder es gelingt ihnen, eine Zwischenmeisterstelle zu er-haschen, oder sie steigen gar zu den sonnigen Höhen des feinenMafsgeschäfts empor und hören damit natürlich auf, Vertreter deralten handwerksmäfsigen Organisation zu sein. Und dann für diezukünftige Gestaltung der Schlufs:Die Grofsbetriebsentwicklung

in Mafsschneiderei und Konfektion wird ihren Weg weiter gehenund damit die Proletarisierung der noch von Kundenarbeit lebendenMeister (a. a. 0. S. 61).

In Wien scheint das alte Schneiderhandwerk schon so gutwie vollständig ausgestorben zu sein, denn der Berichterstatter überdie Männerkleidererzeugung in Wien nennt aufser zahlreichenPfuschern nur die Vertreter einerdritten Klasse von Kunden-

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