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1 (1902) Die Genesis des Kapitalismus
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Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus.

cifischen Arbeitsgebiet. Vermag er nun aber diese nicht zu er-langen , so richtet sich sein Streben darauf, irgendwelchen,wieauch immer gearteten Nebenerwerb zu bekommen.Diese Tendenz nach beliebiger Nebenbeschäftigung ist eine inneuerer Zeit durchaus allgemeine unter den Handwerkern. Es istergötzlich, zu sehen, zu welchen seltsamen Berufskombinationendieses Streben dann häufig führt.

In dem schlesischen Landstädtchen, in dem ich diese Zeilenschreibe (Sommer 1897), betreibt ein Schneider ein Kolonialwaren-geschäft und ist nebenbei Kolporteur des Breslauer Generalanzeigers;mehrere Handwerker haben Versicherungsagenturen, ein Tischlerübernimmt Beerdigungen, ein anderer ist Vertreter eines städtischenSpeditionsgeschäfts. Von den Klempnern in Salzwedel hat einerein Glasgeschäft, ein anderer einen Petroleumhandel, der drittehält eine Schülerpension, der vierte vermietet möblierte Zimmer;ein Böttcher ebendaselbst hat eine Räucherkammer für Fleischwarenerbaut, die er gegen Entgelt anderen überläfst (U. I, 153. 162).Von den Blankglasern in Eisleben handelt einer mit Schreib-materialien und Bildern, ein zweiter ist Bergmann, der dritte Kol-portagebuchhändler und Karusselbesitzer (U. IX, 315). Besondersreichhaltig pflegt die Musterkollektion von Nebenbeschäftigungenbei den Schuhmachern zu sein. In Jena sind sie Lohnkellner,Leichenträger etc. (U. IX, 23), in Eisleben Sonntagskellner, Post-hilfsboten, Vereinsdiener (U. IX, 307), in Karlsruhe Zeitungsträger,Ausläufer, Laternenanzünder, Kirchendiener, Händler u. dergl.(U. III, 57). In Ulm decken sie sogar den Gesamtbedarf der Stadtan Laternenanzündern (U. III, 261). Im Städtchen Heide suchenvon den 100 Mitgliedern der Schusterinnung höchstens 30 ihrenBroterwerb allein in der Schuhmacherei; 70 haben also Neben-beschäftigung, und zwar als Nachtwächter, Schulpedelle, Boten,Kellner, Leichen träger, Chausseewärter, Küster, Ausrufer und Toten-gräber (U. I, 2/3). Ganz ähnlich in Elmshorn (Kr. Pinneberg).Dort sind von 81 Schuhmachermeistern nur 53 selbständige Schuh-macher: 21 sind nebenbei Hafenarbeiter, 3 Krämer, 1 Lotterie-kollekteur, 2 Gerbereibesitzer, 1 Pferdefleischer, 6 im Armenhaus(U. I, 13)h Vor allem kommt in den gröfseren Städten, nament-

1 Hierher gehört wohl auch der Pall, dafs sich ein Fleischer durch An-lage eines Kolonial- und Materialwarengeschäfts zu helfen sucht und zwar ineinem Dorfe. Vgl. F. Fleclitner, Der Detailhandel in Unseburg in demSammelwerkDie Lage des Kleinhandels etc. 1 (1899), 171.