(33U Zweites Buch. Die Genesis des modernen Kapitalismus .
allgemein verbreitete Thatsache vor uns zu haben, deren Tragweitefür die gesamte wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes nichtleicht zu hoch angeschlagen werden kann. Ich meine das garnicht unter volkswirtschaftlich-teleologischem Gesichtspunkte, unterden man diese Erscheinung gern zu bringen geneigt ist. Ist dochschon manches Loblied diesen Zwittern gesungen * 1 und mancherFluch ihnen zugerufen worden. Wer entsänne sich nicht der Verseaus „Hermann und Dorothea“:
„Heil dem Bürger des kleinen
Städtchens, welcher ländlich Gewerb und Bürgererwerb paart.
Auf ihm liegt nicht der Druck, der ängstlich den Landmann beschränket;
Ihn verwirrt nicht die Sorge der vielbegehrenden Städter“ . . .
Aber wer kennte nicht auch die vielen herben Urteile über dasökonomisch Unzweckmäfsige einer Verquickung von Handwerks-und Landwirtschaftsbetrieb? Um nur an eines zu erinnern, das ausdem Munde eines vorsichtig wägenden Mannes kommt: J. G. Hoff-mann äufsert sich einmal über den Gegenstand Goethescher Lob-preisung wie folgt: „In solcher Verbindung wird . . bald das Hand-werk über der Bodenbenutzung, bald der Ackerbau über dem Hand-werk vernachlässigt. Daher erheben solche Städte — sc. Acker-bürgerstädte — sich selten zu mäfsigem Wohlstände 2 .“ Dochunserer ganzen Betrachtung liegen dermafsen teleologische Er-wägungen fern. Die Bedeutung jener Erscheinung meine ich viel-mehr im Hinblick auf die Gestaltung und Entwicklung der that-sächlichen Verhältnisse selbst. Wie ausschlaggebend ein solcherRückhalt an der Landwirtschaft für die Lage des betreffenden Hand-werkers ist, springt in die Augen. Was ficht es den Handwerkerim Bauerndorfe Gahlenz an, ob seine Einnahmen aus seinem Ge-werbebetrieb steigen oder fallen, wenn er folgende Erträge ausseiner landwirtschaftlichen Thätigkeit zieht?
2, 15/16. „Sämtliche Krampitzer Handwerker . . . betreiben ihr Gewerbenicht als einzige Beschäftigung; ihre zweite ist die landwirtschaftliche Arbeit.Dabei ist schwer zu entscheiden, ob man diese nur als Nebenerwerb be-zeichnen soll“ (U. IX, 518). Von den Windmühlen hatten nach der Er-hebung der Kommission für Arbeiterstatistik über die Arbeitszeit in Getreide-mühlen (Sommer 1893) einen landwirtschaftlichen Nebenbetrieb 77,1 °/o, vonden Wassermühlen 77,4°/o: Drucksachen der Kommission für A.St.Erhebungen N«. 4. (1894.) S. 21. 43. 58. 68.
1 Vgl. neuerdings wieder G. Schmoller , Was verstehen wir unter demMittelstände etc. . . .j 1897. S. 17/18.
1 J. G. Hoffmann, Befugnis, 214.