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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
Entstehung
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Erstes Kapitel. Die treibenden Kräfte.

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ihres Absatzgebietes und erzeugt nun den Zwang, das Verloreneim Inlande wiederzugewinnen. Damit aber ist dem hier noch do-minierenden Handwerke der Kampf auf Leben und Tod angesagt.Es beginnt nun seit Ende der 1870 er Jahre erst recht die Ent-scheidungsschlacht zwischen den beiden Wirtschaftsformen auf jenenwichtigen Gebieten der gewerblichen Produktion, auf denen bisdahin nationales Handwerk und kapitalistische Exportindustrie ver-hältnismäfsig friedlich nebeneinander hergegangen waren.

Das mögen wiederum ein paar genauere Angaben Uber denEntwicklungsgang einiger jener Gewerbe illustrieren helfen.

Vielleicht am deutlichsten liegt der geschilderte Prozefs zuTage in der Schuhmacherei.

Die kapitalistische Schuhmacherei war wie übeiall so ins-besondere auch in Deutschland ursprünglich vorwiegend Export-gewerbe 1 . Die Schweiz, die Niederlande, Südamerika, Australien, Rumänien, Rufsland, England, Frankreich waren die wichtigstenAbsatzgebiete für deutsches Schuhwerk. Diese nun gingen seitAnfang der 1880 er Jahre eines nach dem anderen verloren. Amfrühesten der französische Markt; schon 1882 klagen die Fabrikantenin Pirmasens, dafs die willkürliche Auslegung des Zolltarifs ihnendie Ausfuhr nach Frankreich unmöglich mache. Dieselben Klagenertönten bald über Erschwerung der Ausfuhr nach der Schweiz, wo nun eine starke mechanische Schuhfabrikation im eigenen Landeemporblühte 2 ; 1891 wurde der Zoll an der schweizerischen Grenzevon 30 auf 60 Mk. eihöht. Es folgen die Verluste des östereichi-schen und russischen Marktes um die Mitte der 1880 er Jahre.Nun stieg zunächst die Ausfuhr nach anderen Ländern: namentlichBelgien und Holland, Skandinavien, Südamerika, Australien. Dasging fort bis Ende der 1880 er Jahre. Da entwickelte sich in denüberseeischen Ländern eine eigene Grofsschusterei; gleichzeitigwurden die Einfuhrzölle nach Australien bis zu 50 und 60°/o des

1 Vgl. für das Folgende namentlich Francke a. a. O. S. 152 f., 158 ff.und U. III, 224 f., 247 (Schusterei in Württemberg). Wichtigste Quelle sindnatürlich die Handelskammerberichte, die aber in bekannter Dürftig-keit gerade die uns hier interessierenden Gewerbe abhandeln. Ich verweisezur leichteren Orientierung in dem erschrecklich umfangreichen Material aufdie gerade im Jahre 1880 beginnendenAuszüge aus den II.K.Berichten, dieunter dem TitelDeutschlands Industrie und Handel vom Vereinzur Förderung der Handelsfreiheit herausgegeben sind (1881 ff.).

2Die Grofsfabrikanten suchen infolge Zunahme der überseeischen Pro-duktion ihre Waren in vermehrtem Mafse im Inlande abzusetzen. Fa< h-berichte aus dem Gebiet der schweizerischen Gewerbe (1896) S. 48.