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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
Entstehung
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30 Erstes Bueli. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens.

das Ergebnis dieses Kompromisses: das für den Handwerker dieZunftordnung, für den kapitalistischen Unternehmer die Gewerbe-freiheit ist.

Woher diese verschiedene Endigung?

Der Handwerker, sahen wir, verlangt vor allem Sicherheit seinerExistenzbedingungen, er braucht Ruhe und Stetigkeit aller wirt-schaftlichen Verhältnisse, deren selbstherrischer Bezwingung er alsnur technischer Arbeiter nicht gewachsen ist. Er will sich an seinemArbeitsgegenstande bethätigen und dadurch seinen Unterhalt ver-dienen : Arbeitsumfang und Umfang des Entgelts sind bei ihm sogut wie feste Gröfsen. Daher widerspricht es auch den Handwerks-interessen nicht übermäfsig, wenn sie ausdrücklich von der Rechts-ordnung fixiert werden. Eine gesetzliche oder genossenschaftliche Fest-legung der Produktions- und Absatzbedingungen nach Quantum undQuäle empfindet der Handwerker kaum als Beschränkung: denn seininnerstes Wesen, das Wirken als technischer Arbeiter wird dadurchnicht berührt. Deshalb kann er verhältnismäfsig leicht die eigeneFreiheit als Konzession hingeben, wenn er dafür die Beschränkungder anderen als Gegenkonzession erhält. Alle ausgebildete Hand-werksordnung beruht daher notwendig auf dem Gedanken einergrundsätzlichen Ausschliefsung der Konkurrenz auf der einen Seite,einer Stereotypierung der wirtschaftlichen Beziehungen auf deranderen Seite.

Das genaue Gegenteil mufs eine Rechtsordnung bilden, dieden Interessen des Kapitals ein Maximum von Berücksichtigung zuteil werden läfst. Der kapitalistische Unternehmer schliefst seinKompromifs zwischen Freiheit und Zwang in gerade entgegen-gesetztem Sinne: er opfert den Gedanken einer Bindung und Be-schränkung der anderen, um für sich die Freiheit zu retten.

Und das ist dem innersten Wesen kapitalistischer .Wirtschafts-führung durchaus entsprechend.

Wogegen dieses sich vor allem sträuben mufs, ist gerade jeneStereotypierung der Produktions- und Absatz Verhältnisse. Jedekapitalistische Unternehmung strebt, wie wir wissen, nach unbe-schränkter Ausdehnung ihres Wirkungsgebiets. Das folgt unmittelbaraus dem erwerbswirtschaftlichen Grundzuge ihres Charakters. DieVermehrung des Geldes ist an keine Schranken einer naturalenWerkverrichtung oder einer personalen Bedarfsgestaltung gebunden,sie ist grenzenlos. Schon aus diesem Grunde also ist Produktions-oder Absatzbeschränkung allem kapitalistischen Wesen zuwider.Sie ist es aber auch noch aus anderen Gründen. Wie das Ausmafs