Drittes Kapitel. Die neue Technik.
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darf; oder aber: es geht zunächst die eigentliche Arbeitsverrichtungauf die (Arbeits-)Maschine über, und dem Menschen verbleibt einst-weilen die Leistung des Kraftaufwandes. Dieses ist ein in derThat sehr häufiger Fall. Er ist der normale in allen Anfängenmenschlicher Kultur bis tief in die neue Zeit hinein. „Was derzum Bewufstsein erwachte Mensch bei Schaffung der Maschinedunkel wollte, ist die Erzwingung bestimmter Bewegungen an leb-losen Körpern für seine Zwecke. Die Kräfte zur Verursachungdieser Bewegungen sucht er zuerst nur in sich und seines Gleichen.Fern noch liegt ihm die Unterjochung der Naturkräfte aufser ihm“(Reuleaux). Nun ist für den Entwicklungsgang der Maschineriefolgendes zu beachten: meistens wird eine bestimmte Arbeits-verrichtung nicht gleich ganz von der Maschine übernommen,sondern nach und nach, Teil für Teil 1 . Die Maschine ist nichtgleich von Anfang an Vollmaschine, wie ich es nennen will,sondern häufig erst Teilmaschine. Ein bekanntes Beispielbietet wiederum die Entwicklung der Spinnmaschine. Das Spinnenei’folgt gleich in seinen Anfängen maschinell: die Spindel ersetztdie sonst vom Menschen auszuführende Drehbewegung 2 . Diesemachinale Vorrichtung wird nun vervollkommnet im Spinnrade:die Hände werden völlig von der Verrichtung des Haltens und desdie Spindel in Bewegungsetzens befreit, und alle Kraftzufuhr er-folgt durch den Fufs. Es verbleibt jedoch die Thätigkeit desFadenherausziehens — wobei es darauf ankommt, der Spindel eineentsprechend geringe Menge Fasern zuzuführen — Domäne dermenschlichen Hand; ein Teil der formverändernden Arbeits-verrichtung also dem Arbeiter. Diesen letzten Rest menschlicherMitwirkung bei dem Spinnprozefs zu beseitigen, das bezwecktendie grofsen Erfindungen des 18. Jahrhunderts. Alle neuereMaschinenspinnerei beruht bekanntlich auf der Anwendung zweieroder mehrerer Walzenpaare, die sich mit ungleicher Geschwindigkeitumdrehen und zwischen denen der zu spinnende Stoff, nachdemer durch die Karde in lange Bänder verwandelt worden ist, hin-durchgeführt und nach einer Spindel oder geflügelten Spule hin-geleitet wird. Es werden dann nämlich jene Bänder, weil dievorderen Walzen eine viel schnellere Bewegung haben als die
1 Solo a poco a poco la machina si perfeziona, direi si emancipa; divieneatta al moto meccanico ed in ultimo quasi automatica.“ A. F. Labriola,Tecnica ed Economia. Diss. di Laurea (1894) pag. 5.
2 Die Spindel wird richtig auch von Reuleaux, Theor. Kin., 223 schoneine machinale Vorrichtung genannt.