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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens.

Nietzsche sich anknüpft, ist im Grunde doch auch nur eine Be-stätigung für die Existenz und Mächtigkeit jener Tendenzen. Aufder andern Seite hat die Überwindung der Materie doch unstreitigeinen Zug ins Grofsartige, ins Massige, aber auch ins Mächtige inunsere Zeit hineingetragen. Ich möchte glauben, dafs gerade auchder Schwung eines Friedrich Nietzsche, dieFahrt, die seinGeistesleben hatte, nicht denkbar wären ohne die naturwissenschaft-lichen Errungenschaften der Zeit. Zumal wenn wir diese auf dieandern Gebiete ihrer Wirksamkeit verfolgen.

Da ist es die Überwindung des Raumes, die sich alszweite grofse Leistung uns darstellt. Wie sie die Welt gleichsamausgeweitet, die Idee der Unendlichkeit erst recht zu einem Besitztumunserer Seele gemacht hat, so hat sie die Raumverhältnisse auf derErde in unserer Vorstellung verkleinert. Und indem sie die In-differenz gegenüber den Entfernungen erzeugte, verhalf sie derGleichgültigkeit gegenüber dem Unterschiede der Örtlichkeiten undihres Zubehörs zum Leben. Sie hat in eminentem Mafse nivellierendauf Lebensgewohnheiten, Leistungen, Geschmack gewirkt. Man hatgeradezu dem Gedanken Ausdruck gegeben: es werde mit Dichtungund Kunst überhaupt bald zu Ende gehen, wenn es nicht gelinge,die Verkehrsmittel in ihren zersetzenden Folgen zu dämmen. InderThat: jede dichterische oder künstlerische Produktion ist heutebinnen wenigen Tagen oder Wochen Gemeingut der gesamtenge-bildeten Welt. Das Publikum steht unter unausgesetzter Beein-flussung durch die Leistungen der ganzen Erde, die Künstler selbstkommen vor lauterAnregungen von aufsen her, die ihnen dieEisenbahn in Form von Ausstellungsbildern, oder die Kunstzeit-schriften zutragen, oder die sie selbst auf Reisen empfangen, kaumnoch zur Sammlung, Vertiefung und Entwicklung ihrer Eigenart 1 .Wiederum sind die Reaktionsströmungen, wie sie unsere Zeit inder Betonung des Wertes einerHeimatkunst erzeugt hat, nurBestätigungen für das Walten der gekennzeichneten Grundtendenz.

Aber noch vielmehr unserer Epoche zu eigen gehört die Über-windung der Zeit. Es scheint mir in der That nicht un-berechtigt zu sein, wenn man gerade das letzte Jahrhundertinerster Linie als Ara der Siege über die Zeit bezeichnethat.Wir dringen an der Hand der Wissenschaft auf dem Boden

1 Das ist mit Bezug auf den Entwicklungsgang Hans Ungers hübschdargelegt von Hans W. Singer in der Deutschen Kunst und Dekoration.Januar 1900. S. 179 ff.