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Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens.
Mit dieser Hand in Hand geht nun aber das wachsende Be-dürfnis einer immer zahlreicheren Menschengruppe nach be-schleunigter Lebensführung, will sagen: nach einer
stärkeren Konzentrierung der Eindrücke sowohl, als der Gefühls-und Willensäufserungen, somit nach einer vermehrten Ausgabe vonEnergie in einem bestimmten Zeitraum. Dafs diese immer mehrum sich greifende Grundstimmung unserer Epoche unmittelbar ausdem Stile unseres Wirtschaftslebens herauswächst, ergeben unserefrüheren Ausführungen.
Der ganze wirtschaftliche Prozefs, weil er auf Beschleunigunghindrängt, beruht ja auf nichts anderem, als auf einer stetig zu-nehmenden Intensivisierung und Kondensierung der wirtschaftlichenVorgänge im Interesse vermehrten Geldgewinnens. Und diese Vor-gänge greifen natürlich zunächst in alle Sphären des socialenLebens hinüber, in denen auch der Erwerbstrieb rege gewordenist, also dafs immer mehr Menschen aus diesem rein materiellenGrunde ihre Lebens- d. h. Geschäftsführung zu beschleunigen, d. h.zu verdichten sich angelegen sein lassen. Von jenen Centrengesteigerter Lebensintensität geht dann der Anstofs aus, der immerweitere Kreise aus ihrer beschaulichen Ruhe aufstört. Schliefslichwird das gesamte Kulturleben von dem Fieber ergriffen, es beginntdas Hasten und Drängen auf allen Gebieten, das nun recht eigent-lich die Signatur der Zeit geworden ist.
Häufung der Eindrücke und dadurch bewirkte vermehrte Aus-schaltung von Lebensenergie ist unser tiefstes und nachhaltigstes Be-dürfnis geworden: Zola und Ibsen vergleiche man mit Walter Scott und Joh. Heinr. Vofs, Liszt und Richard Straufs mit Haydn undMozart, um zu ermessen, welchen ungeheuren Grad von Intensivi-sierung und somit Tempobeschleunigung unsere Zeit erreicht hat.
Es ist nun aber wohl ein psychologisches Gesetz, dafsdie Beschleunigung des Lebenstempos mit Notwendigkeit eineraschere Übersättigung, Überspannung, Übermüdung erzeugt unddamit das Bedürfnis — wenn nicht schon nach Ruhe, wie es inallen Dekadenzerscheinungen zu Tage tritt, so doch — nach Ab-wechslung der Reizungsqualitäten. Es entsteht so jene Freude amNeuen um seiner selbst willen, jene „Neuerungssucht“, die demKapital die psychologische Unterlage bietet, um darauf wiederumsein System des unausgesetzten Formwechsels der Gebrauchsgüteraufzubauen, das es, wie wir in anderem Zusammenhänge noch ge-nauer verstehen lernen werden, um seiner Selbsterhaltung willen inder Mode ausgestaltet hat. In dieser löst sich also aus dem