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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
Entstehung
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Viertes Kapitel. Der neue Stil des Wirtschaftslebens.

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Centrum der kapitalistischen Interessen abermals eine Tendenz zufortwährender Neugestaltung unserer Umwelt los, die sich zwarzunächst nur auf die materielle Güterwelt erstreckt, dann aber natür-lich auch sehr bald auf die Gebiete der idealen Interessen hinüber-greift: unsere Philosophiesysteme, unsere Kunststile und Litteratur-richtungen wechseln jetzt beinahe ebenso häufig wie unsereKravatten- und Hutmoden.

Alles dieses tritt nun aber zurück gegenüber der revolutionärenWirkung, die die kapitalistische Wirtschaft unausgesetzt auf diesocialen Schichtungs verhältni sse ausübt. Es ist einejedermann vertraute Erscheinung, dafs diese täglich in neuer Ge-staltung sich unserm Auge darbieten, sei es, weil neue socialeKlassen entstehen, alte verschwinden, sei es, weil die Zusammen-setzung jeder socialen Gruppe selbst ebenfalls einem fortwährendenWandel unterliegt. Das war es, was Theodor Fontane mit ge-wohnter Prägnanz ausdrückte, als er die Worte schrieb, die diesemKapitel als Motto vorangestellt sind. Wer ihren Sinn begriffenhat, besitzt dann die Schlüssel des Verständnisses für die innersteEigenart unserer Zeit und wird nun auch mit geschärftem Augeden Umgestaltungsprozefs auf den einzelnen Gebieten des socialenLebens verfolgen können, dessen Gesetzmäfsigkeit die folgendenAusführungen zur Darstellung zu bringen haben. Ich beginnemit der Schilderung der kapitalistischen Revolution auf agrarischemGebiete, durch die die Grundlagen zertrümmert werden, auf denendie alte vorkapitalistische Gesellschaft ruhte.

Exkurs zum vierten Kapitel.

Über die Stufenfolge der kapitalistischen Entwicklung.

Alle modern-kapitalistische Entwicklung spielt sich in der Weise ab,dafs sich von Centren gewerblichen oder kommerziellen Kapitalismusaus ein Mehrbedarf nach Nahrungsmitteln oder Rohstoffen geltend macht, dersteigernd auf die Preise der Agrarprodukte wirkt und den Anstofs zur markt-mäfsigen, intensiven und kapitalistischen Landwirtschaft bietet. Stets ist dieAusbildung gewerblichen Kapitalismus das Prius. Es ist darum nicht richtig,wenn Knapp (Die Landarbeiter in Knechtschaft und Freiheit, 1891. S. 46)behauptet:Die Anfänge der kapitalistischen Wirtschaft liegen in der Land-wirtschaft. Abgesehen davon, dafs man die ostelbische Landwirtschaft mitgutsunterthänigem Arbeitsvolk Bedenken tragen mufs alskapitalistischeUnternehmung anzusprechen, so vergifst Knapp, dafs die Anregung zu dermarktmäfsigen Produktion ihrerseits erst ausgegangen war von den (aufser-