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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
Entstehung
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88 Erstes Buch. Die Neubegründung des Wirtschaftslebens.

deutschen ) Ländern mit erstarkendem gewerblichen Kapitalismus, für die mmdie deutschen Küstenländer anfingen, Exportgebiete für Agrarprodukte zuwerden. Das gilt auch für die russische Entwicklung, wenn wir sie inweltwirtschaftlichem Rahmen betrachten. Nationalwirtschaftlich kann aller-dings in einem Lande die Entstehung einer kapitalistischen LandwirtschaftAnreiz zur Entwicklung des gewerblichen Kapitalismus abgeben, was P.von Struve wohl mit Recht für Rufsland behauptet (Archiv f. soc. Ges.Dbg.VII, 352). Aber im grofsen Ganzen der Entwicklung hat doch der alte Smithrecht, wenn er sagt:it is thus that through the greater part of Europe thecommerce and manufactures of cities, instead of being the effect, have beenthe cause and occasion of the improvement and cultivation of the country.

B. III. Ch. IY. Daher wir denn auch die frühesten Ansätze kapitalistischerLandwirtschaft im Lauf der modernen Entwicklung in Italien, Belgien und Spanien beobachten. Hier treten ein paar Jahrhunderte früher schoneinmal dieselben Erscheinungen auf, die wir dann im 18. Jahrhundert inEngland, im 19. in Deutschland, Frankreich, der Schweiz etc. und wieder-holt in Italien und Belgien wahrnehmen. Der rasche Aufschwung deritalienischen Kommunen während der letzten Zeiten des Mittelalters hattees bewirkt, dafs fast überall in Italien die Landwirtschaft modernes Geprägeangenommen hatte:labbondanza dei capitali aveva posto il paese in gradodi dare ampio svolgimento alle opere dirrigazione, di prosciugamento, didissodamento ed ad altre migliorie. La ricchezza diffusasi in tutti i ceti dellapopolazione aveva . . . promosso laumento e il raffinamento della produzioneagraria. La prosperitä delle industrie tessili aveva ofiferto il modo di allar-gare considerevolmente la coltivazione di varie piante industriali ec . . .

C. Bertagnolli, Delle vicende dell agricoltura in Italia. 1881. pag. 226.227. Und dafs es kapitalistischer Geist war, der auf den Ackern und inden Weinbergen des damaligen Italiens wehte, kann uns ein Studium dermeisten Stadtrechte lehren, die fast immer auch von der Landwirtschafthandeln: was sie anstreben, ist Schutz des Eigentümers gegenüber den Be-trügereien und der Faulheit des Pächters oder Kolonen, Ausbildung des In-stituts der Feldhüter (saltari), Bestrafung des Felddiebstahls u. s. w. Wieuns bereits bekannt ist, war schon seit dem 12. Jahrhundert die Urbanisierungdes Landadels in den meisten Territorien Norditaliens angebahnt worden.

Ähnliche Vorgänge wie in Italien spielen sich während des Mittelaltersschon in der belgischen Landwirtschaft ab. Hie und da natürlich auch inder deutschen , französischen und englischen Landwirtschaft, ohne dafs indiesen Ländern die Einwirkung der städtischen kapitalistischen Entwicklungnachhaltig genug gewesen wäre, um eine radikale Umgestaltung der agra-rischen Zustände schon während des Mittelalters zu bewirken. Sie hattenKnospen getrieben, die aber nicht zur Blüte gelangt waren, wie in Belgien und Italien , in welchen Ländern übrigens, wie wir noch sehen werden, einezweite (die Hauptblüte) doch erst in unserer Zeit sich erschliefst.

Die einzige Blüte der kapitalistischen Landwirtschaft inSpanien dagegen,darf man sagen, fällt in das 16. Jahrhundert: sie wurde erzeugt durch den raschund intensiv gesteigerten Bedarf insbesondere der plötzlich reichgewordenenConquistadores, aber auch der Handels- und Geldmänner der spanischen Städte.Im Süden des Landes hatte der Weinbau grofse Dimensionen angenommen. Cadiz und Sevilla führten allein 140 000 Ctr. Wein nach Amerika aus.Damals war