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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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124 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.

Wirtschaft erschöpfen. Sie hatte vielmehr noch einen weit ent-scheidenderen Umstand im Gefolge: sie erschwerte die Lebens-fristung der solcherart verselbständigten Arbeiterexistenzen aufdem Lande.

Zunächst dadurch, dafs sie eine Verringerung derArbeitsgelegenheiten mit sich brachte. Diese Behauptungerscheint zunächst unglaubhaft angesichts der Thatsache, dafs ja dieIntensivisierung des landwirtschaftlichen Betriebes ohne Zweifel aucheine Steigerung des Arbeitsaufwandes auf gegebener Fläche erheischte.Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn wir in Betracht ziehen,dafs in dem Mafse, wie die Landwirtschaft intensiver wird, sie sich mehrund mehr zu einem reinen Saisongewerbe entwickelt, wodurch dannzu bestimmten Zeiten im Winter trotz absolut gesteigertenArbeitsbedarfs sich Arbeitslosigkeit einstellt. Bis zu einem gewissenGrade war die Landwirtschaft stets ein Saisongewerbe gewesen,d. h. hatte im Sommer mehr Arbeit als im Winter verlangt. DasVerhältnis der Winter- zur Sommerarbeitsmenge war bei einerKönerwirtschaft alten Stils wie 1,0 zu 1,4 gewesen. Aber erst diemoderne Entwicklung bringt dieses Mifsverhältnis zur Entfaltung,sofern sie auf der einen Seite die Winterarbeit zu verringern, aufder andern Seite die Sommerarbeit zu vermehren die Tendenz er-zeugt. Jene Verringerung tritt ein:

1. durch den Übergang vom Hand- zum Maschinendrusch;

2. durch den Wegfall des Flachsbaus;

3. durch das Verschwinden der gewerblichen Arbeit im Winter 1 ;

4. durch die vielerorts eingetretene Verringerung der Arbeit inden Forsten.

Die Vermehrung der Sommerarbeit tritt aber auf im Gefolgeder Fruchtwechsel- und namentlich der Rübenwirtschaft.

Bei letzterer ist das Verhältnis der Sommer- zur Winterarbeitwie 2,6 zu 1; und der Bedarf des arbeitsreichsten zum arbeits-ärmsten Monats verhält sich gar wie 4 zu 1, gegen 1,6 bezw. 2 zu

1 Über diesen letzteren Punkt wird unten noch ausführlicher zu handelnsein. Der Wegfall des Flachsbaus, der auch aus anderen Gründen sich mitder intensiveren Landwirtschaft nicht vertrug, steht damit im Zusammenhang.Ich mufs es mir versagen, auf diese interessante Erscheinung näher einzugehenund begnüge mich daher, auf folgende Schriften zu verweisen: Haxthausen,Ländliche Verfassung etc. S. 131. A. von Lengerke, Entwurf einer Agri-kulturstatistik S. 34. 73. A. Eufin, Die deutsche Flachszucht. 1846. S. 13 f-Derselbe, Der Flachsbau und die Flachsbereitung in Deutschland . 1853.S. 1 ff. 7. 16. Festschrift für die XXV. Versammlung der Land- und Forstwirte.1865. S. 153.