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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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144 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.

Was ihren Bestand vor allem erschütterte, war der Umstand, dafsihr die Personen, auf denen sie ihren umfassenden Betrieb aufge-baut hatte, im Verlauf der modernen Entwicklung entrückt wurden ;sie damit also, gegen ihren eigenen Willen, aufser stand gesetztwurde, ihre alte Wirtschaftsführung beizubehalten. Die Personenaber, die sich ihrer Machtsphäre immer mehr entzogen, waren zu-nächst die Kinder der Bauern selbst, die bisher sich völlig in denFamilienorganismus als dienende Glieder eingefügt hatten, unddann die Gesindeleute, die als weitere Hilfsorgane der Bauernfamilieangegliedert waren. Sie hielt es nicht mehr in der alten Gemein-schaft. Und warum nicht? Weil einneuer Geist erwacht war,so lautet die Antwort; derindividualistische Geist, weil eine Un-ruhe an Stelle der früheren Ständigkeit und Selbstgenügsamkeit ge-treten war.

Ohne Zweifel wird damit ein richtiger Gedanke ausgesprochen.Wo auch immer wir nach den Gründen jener Auflösung forschen,immer stofsen wir auf das Erwachen des neuen Geistes. Schonvor der Mitte des 19. Jahrhunderts sehen aufmerksame Beobachterdiesen Zerstörer am Werk.Es ist ein Drängen und Treiben ein-getreten, urteilt der schon oft von uns zum Zeugnis aufgerufenePastor zu Menslage ,bei dem alle sittlichen Bande, welche dieeinzelnen Individuen an Familie und Vaterland knüpfen, allmählichvöllig gelöst werden müssen.Der moderne Zeitgeist, welcherüberall die vorhandenen sittlichen Bande zerreifst, hat auch hierverderblich eingewirkt; die alten Sitten und Gewohnheiten, welchedas Leben fester Zusammenhalten als die bestimmtesten Gesetze,schwinden, und die Einfachheit des alten und doch ewig neuen Glaubensist oft nur zu sehr verloren gegangen, weshalb denn auch diealle Lebensverhältnisse verklärende und die Menschen überall inLiebe einigende Gewalt fehlt 1 .

Und es will uns das Auftreten dieses neuen, revolutionären,individualistischen Geistes gar nicht so wunderbar erscheinen, wennwir Umschau halten nach den Gründen, die ihn erzeugt habenkonnten. Denn diese sind handgreiflich.

War es nicht die Landwirtschaft selber, die nach neuenMenschen, nach intelligenteren, selbständigeren Arbeitern ver-langte, um den Übergang zur rationellen und intensiveren Kulturvollziehen zu können? Hatte man nicht, diesem Bedürfnis ent-sprechend, den Bauern, den Gutsarbeiterbefreit aus den alten

1 Funke, Lage der Heuerleute (1847), 70. 9.