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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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Fünftes Kapitel. Deutschland .

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Abhäigigkeitsverhältnissen? Hatte man von ihnen nicht Selbstbe-stimmung verlangt und erwartet? Und heischt fortschreitende Ver-besserung der landwirtschaftlichen Produktionsweise, wie sie in derzunehmenden Intensivisierung zum Ausdruck kommt, nicht immerintelligentere, selbständigere Arbeiter? War es nicht ein Bestrebender Arbeitgeber, die Leistungsfähigkeit ihrer Arbeiter durch Ein-führung des Accordlohns und andere Reizmittel zu steigern? Soschuf sich die moderne Landwirtschaft selbst einen höheren Typvon Arbeitern, der nun aber ungeeignet wurde, ein dauerndes Gliedin den überkommenen patriarchalischen Gemeinschaften zu sein.Wenn auch in geringerem Grade als bei den Guts wirtschaften, giltdies doch auch für die Bauernwirtschaften, denn es ist unvermeid-lich, dafs ein gewisser Austausch der Menschen und ihrer An-schauungen innerhalb einer und derselben Bevölkerung statttindet.Dieser Austausch ist es aber, der in noch viel umfassenderer Weiseals der angedeuteten auf die Revolutionierung der ländlichenBevölkerung Einflufs gewonnen hat. Ich meine natürlich den Aus-tausch zwischen Stadt und Land, die Rückwirkung der städtisch-industriellen Entwicklung auf die Lebensauffassung der Gesamt-bevölkerung. In dem Mafse, wie sich dank dem Vorschreiten desKapitalismus der Schwerpunkt der Kultur in die modernen Städteverlegt, wird ein neues Persönlichkeitsideal, wird ein neuer Mafs-stab für Wohlbehagen und Lebensfreude geschaffen, der nun un-widerstehlich auch in die fernsten Alpenthäler seinen Einzug hältund in dem Mafse an Geltung zunimmt, wie die Entwicklung derVerkehrsmittel den Kontakt zwischen den Städtern und Ländlernhäufiger macht.

Aber mit dieser Betrachtung haben wir schon ein neues Gebietunserer Untersuchungen betreten. Denn was wir liier seine Rück-wirkung ausüben sehen: die städtische Kultur ist jener zweitegrofse Erscheinungskomplex, an dessen Auftreten wir die Neu-gestaltung des socialen Lebens im 19. Jahrhundert erkennen und denwir nunmehr erst in seiner Eigenart, in seiner Selbstentstehung be-trachten müssen, ehe wir ihn in seinen Wirkungen weiter verfolgen.Dann erst werden wir im stände sein, den innigen Zusammenhangganz zu würdigen, der zwischen ihm und den soeben aufgerolltenPhänomenen besteht.

Denn was unsere Untersuchung zu tage gefördert hat, war dochwohl dies:

Die Bedürfnisse der modernen Landwirtschaft: ihr Bedürfnisnach klaren Eigentumsverhältnissen, ihr Bedürfnis nach bestmög-

Somhart, Der moderne Kapitalismus. EI. 10