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Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.
licher Ausnutzung des Grund und Bodens und deshalb rationellerGestaltung des Wirtschaftsbetriebes, ihr Streben, auch das Arbeits-verhältnis ihrem unmittelbaren Zwecke entsprechend umzuformen —die Befriedigung all dieser Bedürfnisse hat zur Folge, dafs eingrofser Teil der früher organisch mit der Landwirt-schaft verwachsenen, der gleichsam bodenständigenländlichen Bevölkerung entwurzelt, mobilisiert, Flugsandwird. Eine Entwicklung, die durch andere Umstände Unterstützung *
erfähi't: den Wegfall des gewerblichen Nebenverdienstes, das Er-wachen des „individualistischen“ Geistes unter der Landbevölkerung,diesen beiden Folgeerscheinungen der Ausbreitung und Erstarkungdes gewerblichen Kapitalismus. Und eine Entwicklung, die überdie Kreise der Landwirtschaft treibenden Bevölkerung hinaus sichauf viele rein gewerbliche Produzenten des flachen Landes und derkleinen Landstädte erstreckt.
So stellt sich denn naturgemäfs als Wirkung in breiten Schichtender ländlichen Bevölkerung ein Zustand ein, den wir als Land-müdigkeit bezeichnen können; sie mag erzwungen oder frei-willig sein.
Ihren äufseren ziffermäfsigen Ausdruck findet diese Landmüdig-keit zunächst in der Übervölkerung des platten Landes, ►
die wir als Ergebnis der geschilderten Entwicklung mit allerDeutlichkeit am Ende der frühkapitalistischen Periode nachweisenkönnen. Eine Beförderung hatte diese Tendenz zur Über-völkerung erfahren durch die ungeheuer starke Bevölkerungs-zunähme während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, diewir uns wohl wesentlich als eine Folge der aufsergewohnlich langenFriedenszeit zu erklären haben. In dem Menschenalter von 1816bis 1845 wuchs die Bevölkerung (auf dem heutigen Reichsgebiet) 1von 24,8 Millionen auf 34,4 Millionen an, d. h. um 9,6 Millionenoder 38,7 %, während sie sich im folgenden Menschenalter, von 1845bis 1875 nur um 8,3 Millionen oder 24,1 °/o und sogar in demMenschenalter gröfsten Aufschwungs von 1865 bis 1895 nur um
31,8°/o vermehrte. Und zwar läfst sich nachweisen, dafs es vor-
7 7 . ►wiegend die Bevölkerung in den ländlichen Gebieten, bezw.
die landwirtschaftliche Bevölkerung ist, die sich besonders heftig
vermehrt. Von 1816 bis 1840 hatte sich die städtische Bevölkerung
im Königreich Preufsen von 1000 auf 1411, dagegen die ländliche
von 1000 auf 1461 vermehrt 2 . Im Königreich Bayern hatte die
1 Stat. Jahrb. für das Deutsche Reich.
2 Jahrbuch für amtliche Statistik des preufs. Staats 1 (1863), 110.