Elftes Kap. Die Existenzbedingungen d. Städte. „Der Zug nach d. Stadt.“ 229
verfügen, die das Material der so rasch sich ausdehnenden modernenStädte bilden konnten. Wir wissen jetzt, dank einer Reihe ge-wissenhafter Forschungen, dafs dieses Menschenmaterial nur zueinem geringen Teile dem natürlichen Wachstum der Städteseine Entstehung verdankt. Ist es auch ein grofser Irrtum, voneiner Unfähigkeit der modernen Städte, sich aus eigner Kraft zuerhalten, zu sprechen, so ist es doch gewifs, dafs die geschilderteZunahme der städtischen Bevölkerung nicht möglich gewesen wäreohne Inanspruchnahme eines Teiles des Geburtenüberschusses desplatten Landes, der durch Zuwanderung den Städten einverleibtwurde. Zu deren Existenzbedingungen gehörte also notwendig dieErmöglichung einer Bevölkerungsverschiebung, wie sie in unseremJahrhundert erfolgt ist und wie wir sie nun noch etwas eingehendernach Art und Gründen zu untersuchen haben 1 .
Uber die Art und Weise, wie sich der „Zug nach der Stadt“gestaltet, wissen wir jetzt folgendes:
1. Die Zuwanderung erfolgt thunlichst in die nächstgelegene Stadt;die Wanderstrecken sind kurz; die Fremdgebürtigen entstammenmeist der umliegenden Landschaft (Provinz, Grafschaft etc.) 2 3 * .
2. Die Wanderung erfolgt vielfach staffelweise, vom Lande indie Kleinstadt, aus dieser in die Mittel- und Grofsstadt 8 .
1 Das Problem der Binnenwanderung, das liier ebenfalls nur soweitabzuhandeln ist, als das Verständnis des grofsen Zusammenhanges der gesamt-kapitalistischen Entwicklung es erforderlich macht, hat in den letzten Jahreneine Reihe ausgezeichneter Bearbeiter in allen Kulturstaaten gefunden. Grund-legend sind die Aufsätze von E. G. Ravenstein, The Laws of Migration inVol. 48 (1885) und Vol. 52 (1889) des Journal of tlie Royal Statistical Society.Das verarbeitete Material erstreckt sich auch auf aufserenglische Länder;naturgemäß aber ist der Schwerpunkt der Untersuchung auf Grofsbritanniengelegt. Eine Ergänzug für Schottland bringt John Waugh Paterson,Rur. depop. of Sc. Leipz. Diss. 1896. Für Deutschland kommen vornehm-lich in Betracht: Brückner, Die Entwicklung der großstädtischen Be-völkerung im Gebiete des Deutschen Reichs. Allg. Statist. Archiv Bd. I (1890).M. Schumann, D. inn. Wanderung, i. Deutschi. ibid. A. Wirmingliaus,Stadt und Land unter dem Einfluß der Binnenwanderungen. Jahrbücher f. N. ü.III. Folge. Bd. IX (1895). R. Kuczynski , Der Zug nach der Stadt. 1897(hauptsächlich der Wiederlegung Hansens und Ammons gewidmet, denen m.E.damit eine Ehre erwiesen wird, die diese windigen „Theoretiker“ ganz und garnicht verdienen). Für Österreich behandelt das einschlägige Material inlichtvoller Weise H. Rauchberg , Der Zug nach der Stadt. StatistischeMonatsschrift XIX. Jahrgang. 1898. S. 125—171; derselbe, Innere Wande-rungen in Ö. Allg. Statist. Arch. 3 (1894).
2 Hauptergebnis Ravensteins; bestätigt durch alle anderen.
3 Wirminghaus, a. a. 0. S. 173/174. Rauchberg, a. a. 0. und in
dem Referat: Die sociale und wirtschaftliche Bedeutung des Zuges nach der