234 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.
die Bewegung der Bevölkerung in die Städte höher oder niedrigerveranschlagen: niemals wird man mehr behaupten dürfen, als dafsdie verbesserte Transporttechnik die Verschiebung erleichtert.Was vor allen Dingen erst nachgewiesen werden mufs, ist derGrund, weshalb ein Ortswechsel erstrebt wird. Dieser Grund aberläfst sich ganz allgemein zunächst so formulieren: es mufs einVergleich zwischen der Existenz in der Heimat und der Existenzan dem Wanderziel in der subjektiven Wertung der über dieWanderung entscheidenden Subjekte zu Ungunsten der Heimat, alsozu Gunsten des Wanderziels, der Stadt, ausschlagen. Weshalbdiese Voraussetzung aber in so vielen Fällen zutrifft, wissen wirteilweise schon, teilweise können wir es aus den vorhergehendenAusführungen schliefsen.
1. Es liegt in der Tendenz der modernen Entwicklung, dieExistenz zahlreicher Bevölkerungsschichten an ihremalten Heimatsort zu erschweren. Das habe ich für die land-wirtschaftliche Bevölkerung, für die ländlichen Hausindustriellen undandere Elemente der alten bodenständigen Wirtschaftsverfassung imvorhergehenden Abschnitt bis ins einzelne nachzuweisen versucht.Wir kamen dort zu dem Ergebnis, dafs die ökonomische Ent-wicklung entweder überhaupt weniger Arbeitskräfte auf dem LandeVerwertung finden läfst (ländliches Gewerbe) oder zwar ein Plusan Arbeitskräften, aber nur zu bestimmten Zeiten als Saisonarbeitererheischt. (Intensive Landwirtschaft.) Was aber für das platte Landgilt, gilt teils aus denselben, teils aus anderen Gründen in teilweiseverschärftem Mafse für die Kleinstädte 1 . Diesen wird ebenfallsdas Wasser durch die modern-kapitalistische Entwicklung immer mehrabgegraben und ihre Bewohner haben deshalb mit immer gröfserenSchwierigkeiten zu kämpfen, um ihren Unterhalt zu finden. DieGründe, denen der Niedergang der Kleinstädte zu danken ist, sindaber vornehmlich diese:
a) die Schwächung der Kaufkraft der ländlichen Bevölkerung,wo diese aus den oben angeführten Gründen im Rückgänge ist;
1 Sehr richtig bemerkt 0 g 1 e in seiner interessanten Studie, The AllegeclDepopulation of tlie Rural Districts of England (Journ. of the Stat. Soc. 52 ,205 f), in der er die sog. „Entvölkerung des platten Landes“ ziffernmäßig alsnur in bescheidenen Grenzen sich haltend nachweist, dafs man plattes Land undKleinstädte ruhig als eine' homogene, wirtschaftlich zusammengehörige Massebetrachten dürfe: „for these smaller country towns, with their markets andshops, are in fact quite as much integral portions of the rural Organisationas are the villages and hamlets“ (p. 209 ). Unter Landstädten dieser Art willer sogar alle Städte unter 10000 Einwohnern verstanden wissen.