Elftes Kap. Die Existenzbedingungen d. Städte. „Der Zug nach d. Stadt.“ 235
b) die Umgestaltung der Verkehrstechnik, der Übergang vomLandstrafsen- zum Eisenbahntransport, wodurch die früheren Post-stationen, Kreuzungspunkte etc. an Bedeutung eingebiifst haben;
c) die Verschiebung des Standorts der Industrie: die oben(S. 207 ff.) geschilderte Konzentrationstendenz hat den früheren Ver-lagsstädtchen, den Montanörtchen etc. das Lebenslicht ausgeblasen;
d) der Rückgang der handwerksmäfsigen Produktions- undHandelsweise. Dieses letztere in ihrer Notwendigkeit zu erweisen,ist freilich erst das Ziel dieser Gesamtdarstellung; es mufste aberhier schon dieser Rückgang der kleinstädtischen Gewerbe als einGlied in der Kette von Neugestaltungen des Wirtschaftslebenswenigstens genannt werden, die ihrerseits dann wieder von rechteigentlich revolutionärer Wirkung auf die Wirtschaftsformen sind.
2. Dagegen wird umgekehrt die Existenz für die in dieStädte Wandernden daselbst dank derselben Entwick-lung erleichtert, die sie in Kleinstadt und Dorf erschwert.Diese Erleichterung des Fortkommens wird durch folgende Um-stände bewirkt:
a) die im grofsen Ganzen stets wachsende Nachfrage nachgewerblichen Arbeitskräften in den Städten und Industriebezirken.Dieser wachsenden Nachfrage ist die Landwirtschaft nicht fähig,weil sie keine beliebige Steigerung ihrer Produktion bei gleich-bleibendem oder sogar erhöhtem Produktivitätsgrad vornehmen kannwie die Industrie;
b) die stets wachsende Nachfrage nach persönlichen oder ihnenverwandten Dienstleistungen namentlich in den Grofsstädten, diein dem Mafse stärker wird, wie diese immer mehr Reichtümer auf-saugen und zum Verzehr bringen ;
c) die thatsächlich höhere Entlohnung für gleiche Arbeits-leistung in den Städten, womit ein grofses Wort gelassen aus-gesprochen wird. Ist wirklich der (Real-) Lohn in der Industrie,wie wir der Einfachheit halber sagen wollen, höher als in der Land-wirtschaft und warum? Mtifste er sich nicht längst ausgeglichenhaben? * 1 und warum zahlen die Landwirte nicht höhere Löhne?Das Problem ist ein sehr weitschichtiges und, soviel ich sehe, fastunberührt gelassen von der gelehrten Forschung unserer Tage.
Ich will hier nur andeuten, weshalb meiner Meinung nachthatsächlich der Arbeitslohn in der Landwirtschaft die Tendenz
1 Vgl. G. Hanssen, Über d. Mangel an landwirtscbaftl. Arbeitspersonal
i. Kgr. Sachsen in Rau-Hanssens Arcli. d. pol. Ök. N. F. 2, 153 ff.