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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
Entstehung
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Elftes Kap. Die Existenzbedingungen d. Städte.Der Zug nach d. Stadt. 237

dem Lande oder in der Kleinstadt die hausgewerbliche Thätigkeitder Familienglieder entsprach, die aber heute dort wegfallen.Hausindustrie, Wäscherei, Plätterei, Botendienste u. dgl. für dieFrauen; Fabrikarbeit, Laufburschendienste u. dgl. schon für diejüngsten Kinder; Prostitution, Ladnerinnendienst und ähnliches fürdie erwachsene Haustochter: kurz Zuschufsverdienst von allenSeiten her erhöhen das Familieneinkommen meist weit über das-jenige der Familie auf dem Lande oder in der Kleinstadt 1 .

Erst wenn man solcherweise den Nachweis geführt hat, dafssich die materiellen Existenzbedingungen für die grofsen Massender Bevölkerung zu Ungunsten des Landes und der kleinen Städteund zu Gunsten der gröfseren Städte verschoben haben, wird manzur Ergänzung der nicht ökonomischen Motive einer Änderung desArbeitsplatzes, wie sie in den modernen Wanderungen zum Aus-druck gelangt, gedenken dürfen und auch dann nur mit einerweitgehenden Reserve.

Wenn wirklich der Tingeltangel an allem Schuld ist, wie seitBismarcks Vorgang die gemeine Meinung es annimmt, so frage ichdenn doch erst einmal: wo ist der Tingeltangel in den rauchigen, gräfs-lichen industriellen Arbeiterstädten? Haben nicht auch das Land unddie Kleinstadt ihre Vergnügungen? den Krug und das Schützenhausfür die Männer, den Tanzboden für die junge Welt? amüsiert sichdie grofsstädtische Arbeiterbevölkerung durchschnittlich wirklichmehr als die kleinstädtische und ländliche? und vor allem: warumhaben die vermeintlichen Reize der Grofsstadt erst so spät ihreWirkungen ausgeübt, da sie doch schon Jahrhunderte lang bekanntwaren? und was dergleichen Fragen mehr sind.

Ich denke, man wird auch hier die Untersuchung um einigeSchächte tiefer treiben müssen und die Erklärung unseres Phänomensetwa in folgender Richtung zu suchen haben.

Unzweifelhaft übt dieVille tentaculaire auf den Aufsen-stehenden auch andere als nur materielle Reize aus. Was aber istes, das ihn fesselt und anzieht? Ich meine doch im weitestenSinne die veränderte Lebensführung des Städters, die mit einemWorte gekennzeichnet werden kann als individualistische Emanci-pation. Es ist oft genug und mit vollem Recht betont worden,dafs es das Bedüfnis nach individueller Freiheit ist, was

1The difference of wage between the country and tbe town would seemstill greater if we took tbe family instead of the individual as our unit.H. Llewellyn Smith, Influx of Population hei Ch. Bootli, 3, 138/39.