Druckschrift 
2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
Entstehung
Seite
238
Einzelbild herunterladen
 

238 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.

das Stadtleben reizvoll erscheinen läfst. Die Freiheit, die früherauf den Bergen wohnte, ist heute in die Städte verzogen und ihrziehen die Massen nach. Und es ist wirklich nicht nur und nichteinmal in erster Linie die Freiheit, sich betrinken zu können undsich eine Liebste zu wählen: die hat der Ländler sicher in gleichhohem Mafse wie der Städter. Es ist vor allem die Freiheit derPersönlichkeit im weiteren Sinne, die als so reizvoll erscheint;negativ ausgedrückt die Befreiung von dem Zwange der Sippe, derNachbarschaft, der Herrschaft.

Wie aber geht es zu, dafs dieses Ideal der freien Persönlichkeit,das seit Jahrtausenden das Ideal der ausgewählten Geister ist,sich fast möchte man sagen plötzlich unter die Massen ver-breitet? Der Grund dieser Erscheinung ist ein zwiefacher: erstensist das Freiheitsideal erst durch die Städteentwicklung zunächsteinmal ein Massenideal geworden. Erst die Stadt emancipierte dasIndividuum und erst in dem Mafse, wie die Stadt wächst, wächstdas Empfinden grofser Massen für den Wert der persönlichenFreiheit. So entsteht ein neuer Mafsstab für die Wertung desLebens in den Städten und durch die Städte. Dafs aber dieserMafsstab so schnell allgemeine Verbreitung findet, das ist gewifsdas Werk unserer modernen Verkehrsentwicklung, der wir nunendlich erst den ihr gebührenden, hohen Platz unter den die neueGesellschaft bildenden Faktoren anweisen können. Ihre gröfste,historische Mission liegt in der Kevolutionierung der Geister, dierascher, als es in früheren Zeiten je der Fall war, von dem neuenIdeal städtischen Kulturlebens ergriffen werden.

So etwa vermag man Sinn und Verstand in das Chaos derErscheinungen zu bringen. Man braucht nicht mehr an das Wunderzu glauben, dafs die Massen, die Jahrtausende lang ruhig undfriedlich auf ihrer Scholle gesessen haben, nun plötzlich ohne er-sichtlichen Grund vom Wandertriebe und der Vergnügungssuchtgepackt den Staub ihres Heimatsdorfes oder Städtchens von denPantoffeln schütteln, um in die Grofsstädte auszupilgern. Man siehtvielmehr, wie Glied an Glied sich zu einer Kette von Umständenzusammenreiht und lernt was das wichtigste ist auch diesesgröfste aller moderen socialen Phänomene: die Städtebildung inseinem Zusammenhänge mit der Eigenart des herrschenden Wirt-schaftssystemes begreifen.