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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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260
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Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.

Und kein Sinn für irgend welchen künstlerischen Schmuck!Das Kunstgewerbe, wie noch zu zeigen sein wird, wie vom Erdbodenverschwunden, und hie und da wie der Grufs aus einer fremdenWelt in irgend einem vom Auslandemitgebrachten Stück in dieGraue des eigenen Daseins hineinragend *.

Auch in der hohen Kunst prägt sich die fürchterliche Misereder Zeit aus: es ist eine Art von ästhetischem Yerarmungsprozefs,eine künstlerische Pauperisierung eingetreten.

. Schon in vielen Kreisen des höheren Beamtentums, fast durch-gängig aber in den Schichten auch des oberen Subalternbeamtentumsgeht die Kümmerlichkeit schon in Dürftigkeit über. Der preufsischeKreisrichter hat 300 Thlr. Anfangsgehalt; der Pfarrer auf demLande oft genug nicht mehr. Man sucht sich durch eine kleineLandwirtschaft das Fehlende zu ergänzen. Bei Kanzleirats sieht esschon recht jämmerlich aus. Wir haben eine sehr drastische Schil-derung der Lebenshaltung eines solchen oberen Subalternen für die1850er Jahre sogar äus dem reichen Westen des deutschen Reiches(Karsruhe) 1 2 , die uns recht mit Händen die Misere jener Zeitengreifen läfst: man sieht, wie auf die Erhaltung des äufseren Scheinesdie letzten Gulden ausgegeben werden, um dann am NotwendigstenMangel zu leiden. Gewifs sind ähnliche jammervolle Existenzen,,wie sie uns dort geschildert werden, gerade in den Kreisen deshöheren Subalternbeamtentums, auch heute noch nicht ausgestorben.Aber die Subalternen, die damals 6001200 fl. Gehalt bezogen, sindjetzt in einer Stadtverwaltung wie der Breslauer doch auf 56000 Mk.gestellt. Es wird hei ihnen heutzutage kaum noch zutreffen, waswir von ihren, wie hervorgehoben wird, allerbest remuneriertenKollegen von anno 1857 lesen: . .so braucht er alle zehn Jahreeinen Mantel, und alle drei Jahre einen neuen Rock, Hosen undWeste . .Alle zwei Jahre ein Paar neue Stiefel, jährlich 4 Paarneue Sohlen mit Flick und Riestern. Den Luxus der Pantoffelnkennt er nicht; von einem alten Paar Stiefeln werden die Rohreabgeschnitten, und daraus ein Paar sehr solide Schlappen konstruiert.Und von den drei Knaben heilst es:Wenn Rock, Hose und Weste

1 Ich verweise auch an dieser Stelle noch einmal auf das anmutendeBüchlein von Otto Bähr, Eine deutsche Stadt vor 60 Jahren (1884), worindie Lebenshaltung der gut bürgerlichen Kreise Kassels in den 1830er Jahrenin höchst anschaulicher Weise geschildert wird.

2 Der Kanzleirat oder Bilder aus dem Familienleben eines Subaltern-beamten. 5. Aufi. 1859.