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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
Entstehung
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262 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.

den Herd und für den Herrn Gemahl ein Schreibtisch und einSorgenstuhl, waren bisher unerfüllt geblieben.

Und nun die Vergnügungen, die immerhin im ganzen Jahre111 fl. kosten: davon freilich dieEintracht einschliefslich jähr-lichem Beitrag 24 fl. Tabak und Cigarren, das Stück zu U/s kr.,beanspruchen 16 fl., der Abendschoppen 40 (!) fl. im Jahr. DieSpaziergänge in die Umgegend werden mit 8 fl., die beiden Familien-ausflüge per Eisenbahnam Ostermontage nach Durlach und amPfingstmontage nach Ettlingen , sowie die vier Fahrten mit derGattin nach Durlach mit 4 fl. 12 kr. bestritten. Weihnachten be-ansprucht eine Extraauslage von 4 fl.Eine Auslage aber machtdem Herrn Kanzleirat wirkliche Skrupel und er schaut seine Fraubedenklich an: waren wir wirklich im vorigen Jahre vier Mal imTheater und haben dafür 6 fl. 24 kr. ausgegeben? Der Verfasserschliefst seine reizende kleine Schrift mit den Worten:Wir habendie gewifs bescheidene Haushaltung eines Beamten von 1200 fl. Be-soldung beschrieben, die höchste Besoldung glauben wir, die je einSubalternbeamter haben wird; es sind nicht viele Glückliche, die sowohl bedacht sind. Welche traurige Entdeckungen erst müfstenwir machen, welch tiefes Elend müfsten wir von seinem falschenFlitter entkleiden, wenn wir den Mut hätten, die Geheimnisse desFamilienlebens eines Subalternbeamten von 600800 fl. Besoldungund sehr starker Familie zu schildern. Schulden und ein über-tünchtes Elend mit seinen bekannten Folgen, das ist das Los vielerdieser Unglücklichen.

Und doch stand das Gros der städtischen Bevölkerung,standen auch sehr viele jener Elemente, aus denen sich derwohl-häbige Mittelstand, wie wir ihn heute gern rekonstruieren, vor-nehmlich zusammensetzte: Handwerker und Krämer, weit

unter jenem Niveau eines mittelgut gestellten Subalternen. Manwürde durchaus irren, wenn man annehmen wollte, GevatterSchneider und Handschuhmacher hätten vor 50 Jahren eine wohl-häbigere Position gehabt als etwa heute. Das Gegenteil ist derFall. Von einigen Bäckern und Fleischern vielleicht abgesehen,müssen wir uns zumal in dem Deutschland der 1840er Jahre denHandwerker- und Krämerstand geradezu in Bedrängnis vorstellen.Wir besitzen eine reiche Litteratur aus jener Zeit, in der die Lageder Handwerker, ihre Dürftigkeit, ja vielfach geradezu ihr Elendmit lebhaften Farben geschildert werden. Es mufs genügen, hier nureinige Stichproben aus jenen ganz und gar verschollenen Berichten,die wohl einmal eine gründliche Verarbeitung verdienten, im Auszugemitzuteilen.