Fünfzehntes Kapitel. Die Verfeinerung des Bedarfs.
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des 18. Jahrhunderts mit denen aus den 1830er und 1840er Jahrenvergleichen, sind wir entsetzt über die Verwüstungen, die das roheSpekulanten tum, das eine neue Technik in seinem Dienste pro-stituierte , angerichtet haben mufs. Auch mancher national-ökonomische Fachgelehrte weifs von der Fabrik „Etruria“, dieWedgwood 1706 in New Castle upon Tyne gründete, weifs, dafssie — unter der geistigen Leitung des Bildhauers Flaxmann — einCentrum des Kunstgeschmacks durch die Verbreitung ihrer Steingut-waren wurde. Von der Reichhaltigkeit der Produktion Wedgwoodslegt ein Katalog Zeugnis ab, der 1772 in London erschien: in ihmwaren allein zwanzig, in ihrer technischen Behandlung verschiedeneSorten von Steingut aufgeführt, deren jede wieder in vielen Einzel-formen vertreten war. Und blättern wir die Vorlegeblätter derGebrüder Adams, Chippendales 1 , Th. Sheratons 2 u. a. durch, sosind wir erstaunt, wie aufserordentlich kompliziert und mannigfaltigdie Ausstattung eines Wohn- oder Schlafzimmers schon damals warund in welcher vornehmen Weise der Bedarf Befriedigung fand 3 .Es war eben noch der reiche, oft adlige Grundrentner, dieser fürdie frühkapitalistische Periode so charakteristische Typus, der denTon angab.
Und wie sah es fünfzig Jahre später in demselben Lande aus!Nicht viel anders als in dem Berlin der 1840 er und 1850 er Jahre mitseiner „guten Stube“. Sind es nicht liebe Erinnerungen, noch an dieEinrichtungen selbst unserer Eltern und Grofseltern, die die Schil-derung eines englischen Schriftstellers in uns wachrufen von den„horrors proper to the early Victorian period — the Berlin wool work and the bead mats (liebe Reisetaschen und Börsen mit denPerlenhunden!), the crochet antimacassars upon horse hair sofas(die kostbaren „Schoner“ erhielten in besonderen Fällen noch einenExtrabelag, um ihrerseits gegen Benutzung geschützt zu werden!),the wax flowers under glass shades (Bergwerke in Flaschen warenauch beliebt!), the monstruosities in stamped brass and gilded stucco(dafs sie 1900 schon verschwunden wären!); chairs, tables and
1 Thomas Chippendale, The Gentleman and Cabinet Makers Director.1752. Neue Aufl. 1759, 1762.
2 Th. Sheraton, Cabinet Makers and Upholsterers Guid. 1789.
3 Von neuerer Litteratur zu vergleichen: P. Jessen, Der kunstgewerb-liche Geschmack in England im Kunstgewerbeblatt. N. F. III (1892) S. 93 fl',und IV (1893) S. 62 ff. Hungerford-Pollen, Englische Möbel seit Hein-richs VII. Thronbesteigung in „Kunst und Kunsthandwerk“, Monatsschriftdes k. k. österreichischen Museums für Kunst und Industrie I (1898).
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