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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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324 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.

auch der des Nahrungsbedarfs, wird aus den Küchen und Stubender Einzelhaushalte in die Speisehäuser und Cafds verlegt 1 , wasaber noch im Hause konsumiert wird, kommt schon in fast völliggebrauchsfertigem Zustand in die Familienwirtschaft.

Alles dies wirkt wie ersichtlich in gleicher Richtung auf dieGestaltung des Bedarfs ein, indem sie ihn vereinheitlicht. Denn sosehr auch meinetwegen die Speisekarte eines Restaurants odereiner Genossenschaftsküche reichhaltiger ist, als das Menu einesEinzelhaushalts: sie ist sicher nicht so buntscheckig, wie die Gesamt-heit der Menus in all den Familien sein würde, deren Glieder aneinem Abend im Restaurant essen. Und selbst, wenn sie es wäre,so würde doch der Grofsbedarf an den einzelnen Bestandteilen derNahrung: Brot, Fleisch, Kartoffeln, Geflügel, Gemüse etc. den Bezugviel gröfserer Quantitäten einer und derselben Ware ermöglichen.

Was aber vielleicht bedeutsamer für die Vereinheitlichung desBedarfs als alle vorhergehenden Entwicklungsmomente ist, ist eineinnere Wandlung des Geschmacks, ist die bekannte Erscheinung der

6. Uniformierung des Geschmacks, wie sie sich imGefolge der Ausbreitung grofsstädtischen Wesens mit dem zu-nehmenden Kommerzium in den modernen Staaten einzustellenpflegt. Ehedem entwickelt jede Landschaft ihren Geschmackund jeder Kleinstädter ist stolz auf seiner Väter Sitten; derBürger trägt sich anders als der Bauer und dieser anders als derEdelmann. Die Auflösung alles ständischen und landschaftlichenWesens durch die moderne kapitalistische Entwicklung führt auchzu einer Nivellierung alles Geschmacks: von den grofsen Centrendes socialen Lebens, den Städten, aus, werden jetzt Kleidung undWohnungseinrichtung, wie jeder anderer Güterbedarf in ihrerEigenart für das ganze Land geregelt. Dafs hier wiederum dasInteresse der Grofsproduzenten nachgeholfen hat, ist gewifs. Aberim grofsen Ganzen ist doch diese Vereinheitlichung des Geschmackseine notwendige Folge der ökonomischen Gesamtentwicklung 2 .

1 Dafs diese Entwicklung erst in den Anfängen sieb befindet, kann fürden aufmerksamen Beobachter nicht zweifelhaft sein. Eine ganz gewaltigeFörderung w'ird sie erfahren in dem Mafse, wie die genossenschaftliche Wirt-schaftsführung an Ausdehnung gewinnen wird. Neuerdings hat diese Idee eineebenso geistreiche, wie energische und besonnene Vorkämpferin in Frau LilyBraun gefunden . Siehe deren Schrift Frauenarbeit und Hauswirtschaft. 1900.

2 Eine anschauliche Schilderung der Umbildung des Geschmacks in Bezugauf die Kleidung in einem kleinen westpreufsischen Städtchen (Löbau ) findetman in U. IV, 195 f. 201. Die Mitwirkung derMode bei diesem Unificierungs-prozefs würd unten S. 330 ff. gewürdigt.