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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
Entstehung
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Sechzehntes Kapitel. Die Vereinheitlichung des Bedarfs etc. 325

Wichtig ist es aber, zu beachten, wie das grofsstädtisclieWesen den Bedarf selbst in seiner Art von Grund aus neu gestaltet.Wir hatten schon an verschiedenen Stellen Gelegenheit, die Be-deutung der grofsstädtischen Lebensweise für die Revolutionierungdes Bedarfs zu würdigen. Ich nenne den Prozefs, der sich hier voll-zieht , die Urbanisierung des Bedarfs oder, wenn man will,Konsums. Die Anforderungen an unsere Gebrauchsgüter werdenandere und in dem Mafse, wie sich der Gebrauchszweck um-gestaltet, wandelt sich auch das Werturteil über nützlich und schön.Jedermann verbindet mit dem Ausdruck bäuerischer und städtischeroder gebildeter Geschmack eine ganz bestimmte Vorstellung. Willman den Unterschied in einem Worte zusammenfassen, so kannman vielleicht sagen, dafs der Sinn für das Derbe, Solide, Dauer-hafte geringer wird und an seine Stelle die Lust am Gefälligen,Leichten, Graziösen, am Chic tritt. Die Bauerndirne im schwerenFaltenrock, den derben Rindslederschuhen, den bunten, dickenWollstrümpfen, dem Mieder aus steifem Filz, dem groben Leinen-hemd und dem plumpen Kopfschmuck, vielleicht gar mit Metall-platten, wie man es in Holland sieht, auf den festgeflochtenenZöpfen, und dazu im Gegensatz die grofsstädtische Konfektioneusein der hellen Battistblouse mit dem gelben Ledergürtel, den leichtenNiederschuhen und den durchbrochenen Strümpfen, dem buntenBattisthemdchen und dem Matrosenhütchen auf dem Kopf mit der losegeschlungenen Haartocke sie drücken frappant die Extreme derbeiden Bedarfs- und Geschmacksrichtungen aus, zwischen denen sichdie Entwicklung bewegt hat. Wie es vor allem der Wechsel desGebrauchszwecks ist, der hier geschmackwandelnd gewirkt hat,dafür bietet die Geschichte des Schuhwerks ein lehrreiches Beispiel.Eine Bevölkerung, die auf dem Lande, und auch noch eine, die inschlechtgepflasterten Kleinstädten lebt, braucht vor allem dauerhaftesund wasserdichtes Schuhwerk. Der Schaftstiefel alten Stils, wie ersich noch heute auch in Grofsstädten bei alten Professoren undRechnungsräten findet, dankt seine Entstehung einer Zeit und einerStrafsenverfassung, als es noch gelegentlich angebracht war, dieBeinkleider in den Stiefelschaft zu stecken, um dem Schmutze undder Feuchtigkeit ein Paroli zu bieten. Als man noch häufig zuPferde stieg, um über Land zu reiten, waren die hohen Reiter-stiefeln die für Herren gegebene Fufsbekleidung. Heute haben sichderartige schwerfällige Kleidungsstücke mit derWildschur undden Ohrenwärmern auf wenige unwirtliche Gebiete Osteibienszurückgezogen. Die stets saubere, wohlgepflasterte Stadt mit den