Siebzehntes Kapitel.
Die Mobilisierung des Bedarfs.
(Zur Theorie der Mode.)
Es ist eine allbekannte Thatsache, deren Beobachtung sichjedermann aufdrängt, dafs in unserer Zeit die meisten Güter kürzereVerbrauchsperioden haben als ehedem. Der Urväter Hausrat spieltheutzutage nur noch eine geringe Rolle. Der junge Hausstand betrittmit völlig neuer Ausstattung den Plan, und während unsere Elternnoch Möbel, Betten, Wäsche, Bestecke und alles Gerät während ihrerEhe — und mochten sie auch die goldene Hochzeitsfeier erleben —nur ausnahmsweise erneuten, ist es heute Regel, dafs auch in besserenHäusern schon nach zehn, zwölf Jahren der Erneuerungsturnusbeginnt. Wir selbst trugen noch die zurechtgemachten Kleider derEltern und Geschwister und der berühmte „Bratenrock“ des Mannes,das Hochzeitskleid der Frau, spielten zumal in den unteren Klasseneine grofse Rolle: sie hielten ein Leben aus und schleppten vonGeschlecht sich zu Geschlechte wie eine ewige Krankheit fort. DerHandel mit gebrauchten Sachen, die Auffrischung aller Gegenständewaren in früherer Zeit, noch um die Mitte des XIX. Jahrhunderts,blühende Erwerbszweige. Bildeten doch die Altwarenhändler inden meisten Städten eigene Zünfte. Und welches schwunghafteGeschäft mufs es dereinst gewesen sein, dieser Handel mit ge-brauchten Sachen, wenn wir sehen, wie im 16. Jahrhundert dieNotabein von Frankreich Beschwerde führen über die gefährlicheKonkurrenz, die die Schiffsladungen mit alten Hüten, Stiefeln,Schuhen etc., die von England herüberkamen, den ansässigenGewerbetreibenden bereiteten 1 !
1 Beschwerde der Notabelnversammlung im Jahre 1597, dafs die Engländer„remplissent le royaume de leurs vieux chapeaux, hottes et savates qu’ils font