Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs.
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stände leichter, weniger für die Ewigkeit berechnet zu machen.Und gar erst die Mobilisierung der Menschen selbst: dieses ewigeHerumziehen von Ort zu Ort, von Strafse zu Strafse in derselbenStadt: mufs es nicht den Wunsch nach leicht transportabeln Möbelnund Gütern nahelegen ? Man hält es kaum für möglich, wenn manliest, welchen Grad von Unstetigkeit die Bevölkerung heute er-reicht hat. In einer Stadt wie Breslau von 400 000 Einwohnernbetrug (1899) die Zahl der umgezogenen Personen 194602, währendinnerhalb Hamburgs in demselben Jahre gar 212783 Parteien (!) ihrDomizil wechselten. Es wurden (1899) gemeldet (NB. ausschliefs-lich der Reisenden) 1
Zugezogene235 61160283108281
Abgezogene
178654
54231
86245
Aber viel wichtiger ist doch der Umstand, dafs mit der Ver-änderung der Technik und der äufseren Lebensbedingungen, waswir schon an verschiedenen Stellen zu konstatieren Gelegenheithatten, auch ein neues Geschlecht von Menschen heran-gewachsen ist. Menschen, die die Rastlosigkeit und Unstetigkeitihres inneren Wesens auch in der äufseren Gestaltung ihres Daseinszum Ausdruck zu bringen trachten. Wir wollen den Wechselunserer Gebrauchsgegenstände. Es macht uns nervös, wenn wirewig ein und dasselbe Kleidungsstück an uns oder unserer Umgebungsehen sollen. Ein Abwechselungsbedürfnis beherrscht die Menschen,das oft geradezu zur Roheit in der Behandlung alter Gebrauchs-gegenstände ausartet. Ein Ehepaar richtet sein Haus kaltlächelndzur silbernen Hochzeit von oben bis unten neu ein, als ob die fünf-undzwanzig Jahre gemeinsamer Nutzung nicht tausend Fädenzwischen den Bewohnern und ihren Möbeln gesponnen hätten, diezu zerreifsen empfindsamen Naturen als eine Barbarei erscheint.Aber das heranwachsende Geschlecht weifs nichts von der „Rühr-seligkeit“ und „Gefühlsduselei“ der früheren Zeit. Es ist härter ge-worden und damit sind auch die Beziehungen des Menschen zu denGegenständen seines täglichen Gebrauchs jenes oft so gemütvollenund romantischen Zaubers entkleidet, der in die Zimmer unsererEltern trotz aller ästhetischen Versündigungen doch jene Wärmehineintrug, die heute den glänzenden Salons der Enkel — ach wiehäufig! — fehlt.
1 Jahrbuch deutscher Städte 9, 253.