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Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.
Nun ist aber endlich zu einem beträchtlichen Teil der ewigeWechsel, den wir mit unseren Gebrauchsgegenständen vornehmen,gar nicht einmal Ausflufs einer freien Entschliefsung. In aufser-ordentlich vielen Fällen untersteht der Einzelne dem Zwange, dendie Sitte, den seine Gruppe auf ihn ausübt. Er wechselt, weil erwechseln mufs. Der Wechsel ist aus einer individuellen eine socialeThatsache geworden, und damit gewinnt er erst jene weittragendeBedeutung, die ihm heute innewohnt. Der Leser sieht, bis zuwelchem Punkte die Untersuchung gefördert ist 5 wir stehen vordem Problem des Modewechsels, und das Thema, dessen Lösung unsobliegt, erheischt eine Erklärung dieses Phänomens: eine Theorieder Mode.
Es ist schon manches kluge Wort über die Mode gesprochenund geschrieben worden. Von gelehrten Kulturhistorikern 1 , vontiefgründigen Psychologen 2 3 * , von geistvollen Ästhetikern 8 . Nur wiewir das so gewohnt sind, wenn wir nach den Nationalökonomen 1
fragen, die unsern Gegenstand etwa behandelt haben, so finden wirnur geringe Spuren ernsthafter Untersuchungen; meist nur Wieder-holungen dessen, was Nichtfachmännner darüber geschrieben haben.
Durch alle Kompendien und Lehrbücher schleppt sich dermäfsig gute Witz von Storch, der die Mode als „Meinungs- &
konsumtion“ bezeichnet hat. Darüber hinaus ist man bis heute,soviel ich sehe, nicht gekommen. Man zankt sich höchstens ge-legentlich einmal darüber herum, ob bezw. bis zu welchem Gradedie „Mode“ unter ethischem Gesichtspunkte verdammenswert seiund damit basta.
Demgegenüber sind etwa folgendes die hauptsächlichsten Mo-mente , auf welche eine ökonomische Theorie der ModeObacht zu geben hätte. Sie würde zunächst zu fragen haben, worindie Bedeutung der Mode für das Wirtschaftsleben zu suchen ist undwürde sie alsbald finden in dem Einflufs, den sie auf die Bedarfs-gestaltung ausübt. Über den Begriff der Mode wird man sich nicht
1 Vgl. die Werke, die die Geschichte der Mode und Trachten behandeln:
Falke, Die deutsche Trachten- und Modenwelt. Ein Beitrag zur deutschen ^
Kulturgeschichte. 1858. Weifs, Kostümkunde. J. Lessing , Der Modeteufel,und viele andere. Eine kurzweilige, populär geschriebene Geschichte der(Kleider-) Mode enthält die Schrift von Kud. Schultze, Die Modenarr-heiten. 1868.
2 Vgl. z. B. G. Simmel , Zur Psychologie der Mode in der „Zeit“,
12. Okt. 1895.
3 Friedrich Theodor Vischer hat eine seiner amüsantesten Schriften
unserem Thema gewidmet: Mode und Cynismus, zuerst 1878. 3. Auflage. 1888.