Siebzehntes Kapitel. Die Mobilisierung des Bedarfs.
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lange zu streiten brauchen. Man kann die Definition Vischers:„Mode ist ein Allgemeinbegriff für einen Komplex zeitweise gültigerKulturformen“ ohne grofse Bedenken annehmen, wenn mau deneinzelnen Bestandteilen der Begriffsbestimmung nur den richtigenSinn unterlegt. Für das Wirtschaftsleben sind es zwei notwendigeBegleiterscheinungen jeder Mode, die vornehmlich in Betracht zuziehen sind:
1. die durch sie erzeugte Wechselhaftigkeit, aber ebenso, washäufig übersehen wird,
2. die von ihr bewirkte Vereinheitlichung der Bedarfsgestaltung.Denken wir uns eine Bedarfsgestaltung, die von der Mode unab-hängig ist, so würde die Nutzungsdauer für den einzelnen Gebrauchs-gegenstand vermutlich länger, die Mannigfaltigkeit der einzelnenGebrauchsgüter wahrscheinlich erheblich gröfser sein. Jede Modezwingt immer eine grofse Anzahl von Personen, ihren Bedarf zuunificieren, ebenso wie sie sie nötigt, ihn früher zu ändern, als esder einzelne Konsument, wäre er unabhängig, für erforderlich haltenwürde. Beides: Vereinheitlichung und Wechsel sind relative Be-griffe. Wann insbesondere letzterer beispielsweise die „Tracht“ zur„Mode“ werden läfst, ist schwerlich durch eine Zeitangabe zu be-stimmen. Man wird sagen dürfen, dafs jede Geschmacksänderung,die zu einer Umgestaltung des Bedarfs während der Lebensdauereiner Generation führt, „Mode“ sei. Aber auf derartige begrifflicheUnterscheidungen kommt es viel weniger an als auf die vergleichendeBetrachtung der Art und Weise, wie die verschiedenen Zeiten ihreBedarfsgestaltung Veränderungen unterworfen haben. Dies führtuns dazu, zu fragen: ob denn wirklich erst die Gegenwart es sei,die die „Mode“ in die Geschichte eingeführt habe, und mit welchemRechte wir hier, wo es sich darum handelt, die Herausbildung desmodernen Wirtschaftslebens zu schildern, die „Mode“ als einenBestandteil der Neuerungen bezeichnet haben.
Unzweifelhaft ist die „Mode“ keine dem 19. Jahrhundert eigeneErscheinung; wir werden ihre Entstehung, wenn sich von einersolchen überhaupt reden läfst, sicher in eine viel frühere Zeit ver-legen müssen. Zwar möchte ich nicht so weit wie Julius Lessing gehen, der den „Modeteufel“ in allen Jahrhunderten gleichmäfsigam Werke sieht: denn das Schelten auf neu eingeführte Kleider-trachten, wie wir es in der moralisierenden Litteratur seit denKirchenvätern finden, läfst doch nicht ohne weiteres auf die Existenzeiner „Mode“ im modernen Sinne schliefsen. Dagegen begegnenwir unzweifelhaft der echten Mode in den italienischen Städten