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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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332 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.

schon des 15. Jahrhunderts 1 und während des 16. und 17. scheintauch im Norden dieModenarrheit erheblich an Ausdehnung ge-wonnen zu haben 2 3 . In Venedig und Florenz gab es zur Zeit derRenaissance für die Männer vorgeschriebene Trachten und für dieFrauen Luxusgesetze. Wo die Trachten frei waren, wie z. B. inNeapel, da konstatieren die Moralisten, sogar nicht ohne Schmerz,dafs kein Unterschied mehr zwischen Adel und Bürger zu bemerkensei. Aufserdem beklagen sie den bereits äufserst raschen Wechselder Moden und die thörichte Verehrung alles dessen, was ausFrankreich kommt, während es doch oft ursprünglich italienischeModen seien, die man nur von den Franzosen zurückerhalte(Burckhardt) .

Und die für die Machthaber köstliche Zeit des ancien regime,das Jahrhundert der Watteau, Boucher, Fragonard, Greuze könnenwir uns gar nicht anders als unter dem launischen Scepter derModegöttin stehend vorstellen. Wenn Mercier an einer Stelleausruft 8 :il est plus difficile ä Paris, de fixer ladmiration publiqueque de la faire naitre; on brise impitoyablement lidole quonencensait la veille et des quon sapper§oit quun homme ou quunparti veut dogmatiser on rit; et voilä soudain lhomme culbutd etle parti dissous, so hätte er diese Worte seinem ganzen Werke alsMotto vorsetzen können, denn sie kennzeichnen die Wesenheit allesdessen, was er uns von dem alten Paris erzählt.

Und trotzdem ist man versucht zu behaupten, dafs das innersteWesen der Mode sich erst in dem verflossenen Jahrhundert, ja erstseit einem Menschenalter voll entfaltet habe, dafs jedenfalls erst inder letzten Zeit die Eigenarten der Mode sich bis zu einem Gradeausgeprägt haben, der sie befähigte, jenen bestimmenden Einflufsauf die Gestaltung des Wirtschaftslebens auszuüben, der allein unsan dieser Stelle das Interesse für die Mode einzuflöfsen vermag.Was aber die moderne Mode vornehmlich charakterisiert undwas die Mode früherer Zeiten entweder gar nicht oder doch nur ineiner unendlich viel geringeren Intensität besafs, ist folgendes:

1. die unübersehbare Fülle von Gebrauchsgegen-ständen, auf die sie sich erstreckt. Diese Mannigfaltigkeit wird

1 Vgl. J. Burckhardt , Kultur der Renaissance. 3. Aufl. 2 (1878), 111 ff.

2 Die Litteratur beschäftigt sich immer häufiger mit derModenarrheit:vgl. z. B. Ludw. Hartmannus, Der ä la mode-Teufel. 1675 (von Lessingcitiert); oder die Stellen bei Horneck, Österreich über alles, wenn es nurwill (1684) S. 18.

3 Mercier, Tableau de Paris 2 (1783), 75.