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Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.
auf den Märkten und Messen der gröfseren Städte verproviantiertsich dann auch der stehende oder wandernde Landkramhändler.
Grofsenteils freilich nicht beim Grossisten, sondern beim ansässigenGewerbsmann, der zur Zeit der Märkte ebenfalls noch nach alterSitte das „gewöhnliche Verkaufslokal verläfst und sich in gemieteteBuden hineinsetzt“. Das Bild, das der Krammarkt einer gröfserenStadt in jener Zeit gewährt, ist daher noch ein aufserordentlichbuntes und mannigfaltiges. *
Der Marktverkehr nun hat bei dem modernen gewerblichenKapitalismus die geringste Gegenliebe gefunden. Wenn wir nichtetwa die noch zu erwähnende Wanderauktion und das Wanderlagerals eine Umbildung des alten Marktverkehrs ansehen wollen, wasaber kaum richtig wäre, so bietet in der That die urwüchsige Markt-organisation keinerlei Handhabe, um den Anforderungen des modernenWirtschaftslebens angepafst zu werden. Die Geschichte der Jahr-oder Krammärkte in hochkapitalistischer Zeit ist daher wesentlich dieGeschichte ihres Niedergangs, unterbrochen hier und da durch einePeriode des Stillstands. Dafs solche Perioden sich von Zeit zu Zeiteinstellen, ja, dafs gelegentlich sogar einmal ein paar Jahre des Auf-schwungs Vorkommen, ist ein Beweis, dafs die kapitalistische In-dustrie oder der Händler kapitalistischer Ware doch zuweilen sichauch der marktmäfsigen Organisation bedient 1 und deren Auflösungs-prozefs verlangsamt. Das ist das Ergebnis der Untersuchung einesSchülers von mir über die Entwicklung der Breslauer Märkte im19. Jahrhundert 2 . Danach ergiebt sich, dafs einige Gruppen derauf den Jahrmärkten feil gebotenen Waren ununterbrochen an Ab-satz verlieren, andere hingegen während der 1870er und 1880er Jahrein ihrem Niedergange aufgehalten werden und sogar eine Ausdehnungs-tendenz aufweisen. Ersterer Kategorie gehören an: die Schuhmacher-,
Töpfer-, Leinen-, Schnitt-, Böttcher-, Tischler- und Korbwaren;letzterer die Woll-, Galanterie- und Kurzwaren, Porzellansachen,
1 Ein in solchen Dingen meist gut unterrichteter Schriftsteller meint imJahre 1867, „dafs zu den specifisclien Jahrmarktswaren Ladenhüter und Fabrik-reste neben den Erzeugnissen der Kleinindustrie gehören“. A. Emming-haus, Märkte und Messen in der Viertelj ahrsschrift für Volkswirt-schaft etc. 17 (1867), 74.
- P. Kara-Mursa, Die Bedeutung der Jahrmärkte in der Gegenwartmit besonderer Berücksichtigung der Breslauer Jahrmärkte. Bresl. In.Diss. 1900.
Das Material, das über die Entwicklung der (Jahr-) Märkte in neuerer Zeitvorliegt, ist sehr dürftig. Aufser der genannten Arbeit ist mir eine zusammen-fassende Darstellung, die vor allem statistische Angaben brächte, nicht be-kannt geworden.
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