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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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412 Zweites Buch. Die Neugestaltung des Wirtschaftslebens.

Für die Wiener Damenschneiderei hat der Agent inseiner weiblichen Spielart grofse Bedeutung. Die Reisende desWiener Kleidersalons ist oft sein wichtigstes Organ. Die Zahl derWiener Schneiderinnen ist so grofs, dafs sie vom Bedarf Wiensallein nicht bestehen könnten. Ihre ständige Kundschaft in frem-den Städten erwartet, zweimal im Jahre, im Frühling und imHerbst, von derMademoiselle besucht zu werden. Manchegrofse Häuser schicken ihre Reisenden sogar mit den halbfertigen ^

Kostümen zur Anprobe in bestimmte Städte. Gefällt das fertigeKleid, so spricht sich die Adresse der Erzeugerin herum; manersucht die Besitzerin,die Schneiderin zu schicken, bis siewieder kommt. Die alte Kunde giebt ihr daher eine Einführungoder Empfehlung an die künftige. So werden Bestellungen ge-wonnen, welche bei manchen ersten Wiener Firmen in Summe dieBedeutung des hiesigen Absatzes weit überragen. Diese aus-wärtigen Kunden würden aber nicht weitere Bestellungen machen,wenn die Reisende nicht wiederkäme. Von näheren Orten:

St. Pölten, Prefsburg, Wiener-Neustadt, kommen die wohlhabendenKunden selbst nach Wien. Dorthin lassen blofs geringere Geschäftereisen. Hingegen wird die Kundschaft auf weitere Entfernungaufgesucht, in Prag, Brünn, Graz, Triest, Budapest und namentlich ^

im weiteren Auslande. Die Preise sind angeblich die gleichen,wie bei Bestellungen in Wien; die Wiener Kunde zahlt die Reise-spesen der auswärtigen zum Teile mit. Für viele der beteiligtenGeschäfte wäre das strikte Verbot des Detailreisens der glatteRuin, ohne dafs die ortsansäfsigen Schneider davon wesentlichenVorteil hätten.

MafsSchneider für Herren haben häufig die Gewohnheit,ihre Kunden im Orte selbst, wie aufserhab mit Stoffmustern zumZwecke von Bestellungen aufzusuchen, zumeist geschieht das übervorgängige Aufforderung, mitunter aber auch ohne diese. DerSchneider kommtnachschauen, ob es für ihn Aufträge giebt.

Diesen Betrieb haben einzelne Firmen im gröfseren Mafsstab aus-gebildet; sie halten in Wien ein Stofflager und Zuschneider, be-schäftigen Zwischenmeister aufser Haus und verwenden Klein- ^

reisende. Diese suchen die Kunden der Provinz auf, legen ihnen dieneuesten Stoffe vor und preisen sie an. Da der Kunde, wie einGeschäftsunternehmer dieser Branche schreibt, aus der Grofsstadtein viel eleganteres und moderneres Kleidungsstück erhält, läfster sich überreden, und bestellt aus purem Luxus statt eines An-zuges, den er vielleicht nötig hat, gleich drei bis vier Anzüge und

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