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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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Dreiundzwanzigstes Kapitel. Begriff und Wesen der Konkurrenz. 425

Zeit, die der Meinung huldigte, wenigstens die ökonomischeRatio setze sichbei freier Konkurrenz durch. Für uns heute,die wir oft genug das Gegenteil beobachten, bleibt jene Thesejedenfalls immer noch erst mit dem onus probandi behaftet. Imfolgenden wird nun die Frage, ob es das ökonomisch oder sonst-wieHöhere,Vollkommenere sei, was sich im Konkurrenzkämpfedurchsetzt; ob mit seinem Siege also einFortschritt oder nichtverbunden sei, gar nicht gestellt, sondern unsere Aufgabe ist er-schöpft, wenn wir die Thatsache einer bestimmten Entwicklungbegründet haben l .

Dafs dieKonkurrenz der Warenverkäufer unter einanderkeine Naturthatsache ist, ebensowenig wie die der Verkäufer vonArbeitsleistungen, wissen wir heute trotz Haeekel. Damit siewirklich werden könne, müssen vielmehr zahlreiche Bedingungenformaler und materialer Natur erfüllt sein, die man sichfüglich gegenwärtig halten sollte. Keine Konkurrenz, wenn zunächstnicht ein Zwang besteht, die erzeugten Güter auf dem Markte durchVerkauf zu verwerten. Bei den meisten gewerblichen Erzeugnissen,die in berufsmäfsiger Specialisierung hergestellt werden, bestehtein solcher Zwang. Ebenso wie bei ihnen der Regel nach auch diezweite Bedingung wirksamer Konkurrenz erfüllt ist, dafs sienämlich beliebig vermehrbar sind, d. h. in einer praktisch un-beschränkten, den Gesamtbedarf also deckenden Menge, zu denjeweils günstigsten Bedingungen hergestellt werden können. Damiterst ergiebt sich die für das Zustandekommen einer Konkurrenzunablässige Voraussetzung einer Tendenz zum niedrigsten Preise,einer Tendenz, die zwar bei gewerblichen Erzeugnissen nicht in derNatur der Produktion selbst ihre Schranken findet, doch aber inWirklichkeit keineswegs immer sich zu bethätigen vermag. Eslassen sich vielmehr Situationen denken und beobachten, in denenaus irgend einem Grunde die beliebige Vermehrbarkeit der Gütereiner bestimmten Kategorie aufgehoben wird, die vorhandenenProduzenten also wieder in die umfriedete Stellung von Mono-polisten einrücken. Solche Monopolstellungen können wir unsheute nur noch als künstliche Gebilde, d. li. als gewollte Ver-abredungen oder Vereinbarungen vorstellen, sei es in Form vonPatenterteilungen, sei es in Form von Kartellen; es hat aber eineZeit gegeben, wie wir an anderer Stelle beobachtet haben, in denen

1 Damit erledigen sich zahlreiche Bedenken A. Voigts in seinen Er-örterungen über die Lebensfähigkeit des Handwerks. U. III.