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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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452
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452 Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz.

die Künstler in die Niederungen des Kunstgewerbes herabgestiegen sindund sich bestrebt sein lassen, die Dinge des täglichen Gebrauchs mitihren Inspirationen zu erfüllen. Nun ists ja klar, hört man sagen,dafs eine neue Epoche reinen und echten Kunsthandwerks beginnt.Die Zeit der Veit Stofs, der Jamnitzer, der Grosso Caparra, derValerio Vincentino ist wieder angebrochen, für die grofsen Kunst-industrien hat die Sterbestunde geschlagen. In denVereinigtenWerkstätten der Münchener und Dresdener Künstler ist deutlichder Weg der zukünftigen Entwicklung vorgezeichnet, der wiederzur handwerksmäfsigen Organisation des Kunstgewerbes zurückführt.

Aber auch diese neue Hoffnung der Handwerkerfreunde wirdsich, meiner festen Überzeugung nach, als trügerisch erweisen. Sieberuht auf völlig falschen Voraussetzungen und einer gänzlichenVerkennung der Situation. Sowohl der Hinweis auf die Zeitender Renaissance wie auch der auf die Vereinigten Werkstättenerscheint mir völlig deplaciert, wie im folgenden mit einigen Wortennoch ausgeführt werden soll.

Ich will gar nicht einmal die Richtigkeit der Behauptung inZweifel ziehen, dafs in der Renaissancezeit das Kunstgewerbehandwerksmäfsig organisiert geAvesen sei. Obwohl man sehr wohldie Frage aufwerfen könnte, ob denn die Israel von Mecheln ihreZeichnungen für weiblichen Schmuck, die Paolo Veronese u. a.ihre Stickereimuster, die Rosso und Primatice ihre Entwürfe fürSchlosser- und Tischlerarbeiten, die Jean Goujou und GermainPilon ihre Vorlagen für Himmelbetten, Stühle, Tische und Fufs-schemel wirklich nur rein handwerksmäfsigen Betrieben zur Aus-führung übertragen haben; ob denn die Werkstätten des MichaelWolgemut, von demzahlreiche Gehilfen und Schnitzer beschäftigtAvaren und bei dem von nah und weit Bestellungen einliefen, Be-stellungen zu hohen Preisen; ob die Rotgiefserei Peter Vischers und seiner Söhne, dieAufträge über Aufträge aus aller WeltEnden bekamen; ob die Werkstatt Benvenuto Cellinis, in der,Avie wir schon sahen, bis zu 40 Arbeiter beschäftigt waren; ob allediese Betriebe wirklich einen handwerksmäfsigen Charakter trugen,wie die heutigen Anwälte des Handwerks ihn sich vorstellen. Ichwill mich vielmehr an die feststehende Thatsache halten, dafs wirk-lich in der Blütezeit des Kunstgewerbes im Mittelalter zahlreicheKunstwerke in echten Handwerksbetrieben entstanden sind. DerKontrakt, der mit Adam Kraft über die Lieferung des Sakraments-häuschens von S. Lorenz abgeschlossen wurde, enthielt die Be-stimmung, dafs der Meister stets mit eigener Hand an dem Werke