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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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Sechsundzwanzigstes Kapitel. Handwerk und Kunstgewerbe. 455

notwendig als das höchste Ziel gelten, dem auch alle kunstgewerb-lichen Gegenstände nachzueifern hatten.

Der Künstler war also Handwerker, vor allem auch selbstTechniker. Es wird uns deshalb nicht in Erstaunen setzen dürfen,wenn wir hören, dafs sich zahlreiche technische Fortschritte an dieNamen berühmter Künstler anknüpfen. Man denke beispielsweisean die Verdienste, die sich die della Robbia um die Herstellungdauerhafter Thonwaren erworben hat und ähnliches.

Was sich seitdem geändert hat, weifs man. Vor allem hat dieRenaissance die definitive Emancipation der hohen Kunstaus den Fesseln des Handwerks gebracht. Wir sollten dochnie vergessen, dafs jene hohe Blüte des Kunstgewerbes, wie sie dasMittelalter erlebt hat, erkauft war durch die Minderwertigkeit derhohen Kunst. Wenn ein Albrecht Dürer sich zu seinem vollenKönnen auswachsen sollte, so war die Voraussetzung, dafs er sichendgültig aus der Handwerkeratmosphäre befreite, in der auch ernoch aufgewachsen war. Als er aus der Werkstatt Meister Wol-gemuts austrat, war er ein leidlicher Zeichner und Kolorist ohnebesondere Eigenarten. Erst auf der Wanderschaft entwickelt ersein grofses Talent 1 . Das Schicksal Dürers aber ist typisch fürden Werdegang der gesamten Kunst. Und Goethe trifft sicherdas Richtige, wenn er es als einen besonderen Vorzug der florentinerKunst hinstellt,dafs sich aus dem Handwerk die Künste früherund allmählich entwickelten. . .Die neuentstandene Kunst ver-weilte in den höheren Gegenden, in denen sie allein gedeiht 2 .

Es ist also, wollten wir alle Errungenschaften unserer Kulturnicht aufgeben, undenkbar, dafs der wahrhafte Künstler wiederHandwerker werde, wie er es im Mittelalter war. Er kann nichtwieder in der grofsen Menge untertauchen, soll er nicht Gefahrlaufen, seinen kostbarsten Besitz: die selbständige Persönlichkeiteinzubüfsen. Damit entfällt aber auch für alle Zukunft die un-mittelbare Durchdringung breiterer Schichten tech-nischer Arbeiter mit künstlerischem Empfinden, wiees die unterschiedslose Zusammenwürfelung der Wenigen und derVielen in früheren Jahrhunderten begreiflicherweise herbeigeführthatte.Innerhalb der grofsen Künstlerbrüderschaften war dieThätigkeit des einzelnen Meisters nicht immer auf einen einzelnen

1 Vgl. Anton Springer , Albrecht Dürer. 1892. S. 17.

2 Im Anhang zu der Übersetzung der Lebensbeschreibung des BenvenutoCellini, in den W.W. (Cotta 1881) 12, 354.