Sechsundzwanzigstes Kapitel. Handwerk und Kunstgewerbe. 457
Thätigkeit entfaltet hat. Sodafs eigentlich von Industrien, für dieman vernünftigerweise eine Renaissance des Kunsthandwerkserhoffen kann, nur etwa Tischlerei, Schlosserei, Goldschmiedereiund einige wenige andere ähnliche Branchen sich werden namhaftmachen lassen.
Dafs auch in diesen Gewerbszweigen die bisherige Ent-wicklung die erwartete Wiedergeburt des Handwerks nicht gebrachthat, haben unsere früheren Studien zur Genüge erwiesen. Läfstsich nun aber annehmen, dafs die neueste Phase kunstgewerblichenLebens, wie sie in Deutschland während des letzten Jahrfünfts ein-setzt: in der der grofse Künstler wieder selbst die Leitung dergewerblichen Produktion übernommen hat, Chancen für das Hand-werk bringt?
Dafs kein modernes Kunsthandwerk in dem Sinne möglich ist,dafs die Künstler wieder Handwerker werden, wurde gezeigt. Abervielleicht werden sich die Künstler mit Vorliebe handwerksmäfsigerExistenzen bedienen, um ihre Intentionen zur Durchführung zubringen? Denn, so schlufsfolgert man: der Künstler strebt vorallem nach Individualisierung, also mufs ihm alles Grofsbetrieblicheverhafst sein, also mufs er den Handwerker, der sich allein denSinn für das Besondere, Einzelne, Individuelle bewahrt hat, zumVerwirklicher seiner Ideen wählen und nicht den abscheulichen„Grofsbetrieb“. Die Schlüssigkeit dieses Räsonnements hat man,wie gesagt, noch insbesondere durch den Hinweis auf die inMünchen und Dresden seit einigen Jahren errichteten „VereinigtenWerkstätten für Kunst im Handwerk“ noch besonderszu erweisen versucht.
Ich bin nun niemals darüber im Zweifel gewesen, dafs jeneHoffnungen der Handwerkerfreunde abermals eine schmerzlicheEnttäuschung erleiden würden. So laut auch unter den Künstlernselbst manch einer von der Renaissance des „Handwerks“ redeteund auf den niederträchtigen „Grofsbetrieb“ schimpfte: ich wufsteaus persönlichem Umgang mit Künstlern zu gut, dafs sie etwasganz anderes im Sinne hatten, als die Erwartungen unserer Innungs-schwärmer zu erfüllen, dafs es nur unbehobene Unklarheiten überdie Begriffe „Handwerk“, „Grofsbetrieb“ etc. waren, die sie zuihrer scheinbaren Handwerkerfreundlichkeit verführten. Dafs manin Künstlerkreisen, auch in solchen, die besonders gern von der„Wiedergeburt des Kunsthandwerks“ reden, gar nicht in Wirklich-keit an. etwas derartiges dachte, erwies ja schon das vortrefflicheEinvernehmen, in dem die Herren mit den grofsen Tapetenfabriken,