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2 (1902) Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung : mit Register über Band 1 und 2
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503
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Dreißigstes Kapitel. Der Kampf um die Arbeitskraft. 503

dar. Sie ist es, die auch ohne wesentliche Produktions-verbilligung, dank der weitestgehenden Produktionsfaktoren -verbilligung, für eine Anzahl der wichtigsten Industrien zu einersolchen Preissenkung der Produkte geführt hat, dafs jede Kon-kurrenz handwerksmäfsiger Produktion gänzlich aussichtslos er-scheint. Es ist bekannt, dafs es vor allem die grofsen Bekleidungs-industrien, insonderheit die Kleider-, Mäntel- und Wäschekonfektionist, auf die das Gesagte zutrifft. Alle Sachkenner, soweit ihr Ur-teil nicht durch irgendwelches Interesse beeinflufst wird, stimmendarin überein, dafs jene Industriezweige ganz überwiegend ihrerasend schnelle Entwicklung in unserer Zeit der eigentümlichenGestaltung des Arbeitsmarktes verdanken, wie sie hier zu skizzierenversucht wurde. Fallen jene Bedingungen weg, so sind Industrien,wie bestimmte Teile der Konfektion, einfach nicht existenzfähig. Sohat sich in München die geringere (Kinder-) Konfektion lange Zeitnicht recht entwickeln können.Der Grund dafür ist wohl der, dafsdie Lebenshaltung des Münchener Schneiders verhältnismäfsighöher ist als die seiner Kollegen in jenen Städten, zu hoch, umsich auf die Löhne in der Knabenkonfektion herabdrücken zu lassen.Der Besitzer eines (Münchener) Geschäfts, der versucht hatte, dieAnfertigung von Knabenanzügen in München einzubürgern undeinen Meister aus Berlin mitgenommen hatte, konnte keine Ar-beiter, weder männliche noch weibliche, für sein Unternehmendauernd gewinnen, sodafs er von seinem Plane Abstand nehmenmufste 1 . Das kann als typisch für die ganze Lage dieser undähnlicher Gewerbezweige betrachtet werden. Dafs natürlich auchdort, wo es billigste Arbeitskräfte giebt, die hausindustrielleOrganisationsform nicht immer anwendbar ist, versteht sich vonselbst: sonst gäbe es ja überhaupt keine Fabriken, sondern nurHausindustrien. Was letztere noch zur Voraussetzung haben, istnamentlich ein unentwickelter Grad der Technik sowie grofseTransportfähigkeit der Rohstoffe: was beides also gerade wiederumfür die Konfektionsindustrien zutrifft 2 .

So haben wir denn abermals einen Einblick in eine Reihewichtiger Gründe gethan, die zur Erklärung der Überlegenheitkapitalistischer Produktionsweise dienen: sie produziert billiger,weil sie in vielen Fällen billigere Arbeitskräfte zu ihrer Verfügunghat. Abermals handelte es sich um das, was wir eine Produktions-

1 Herzberg, Schneidergewerbe in München, 34.

5 Vgl. im übrigen meinen ArtikelHausindustrie im H. St. 2 . Bd. IV.