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Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz.
auf andere Weise als durch „Vorbildung“ in Handwerksbetriebenzu decken. Es ist bekannt, dafs diese Frage seit Jahren die bestenMänner beschäftigt, dafs seit Jahren die „Reform des gewerblichenUnterrichts“ in allen Kulturländern zur Diskussion steht. Darüber,dafs der heutige Zustand unhaltbar ist, herrscht kaum Meinungs-verschiedenheit mehr. Wir kennen die vernichtenden Urteile überden Niedergang der gewerblichen Tüchtigkeit auch der Arbeiterin der Grofsindustrie und haben auch die Gründe aufzudeckenversucht, weshalb das Handwerk, dem noch immer der gröfsteAnteil an der Ausbildung des gewerblichen Nachwuchses zufällt,heute seiner Natur nach aufser stände ist, seinen Verpflichtungennachzukommen. Die Grofsindustrie würde sich nun zwar vielmehr zur Anlernung moderner Qualitätsarbeiter eignen, und guteSachkenner geben sich der Hoffnung hin, dafs die heute schon vor-handenen Beispiele musterhafter Lehrlingsausbildungin Grofsbetrieben in weiterem Umfange Nachahmung findenwerden. Ich zweifele daran. Wenn wir uns nämlich die Fällegenauer ansehen, in denen die Grofsindustrie sich systematisch derLehrlingsausbildung annimmt 1 , so bemerken wir, dafs es sich ent-weder um Staatsanstalten oder um solche private Unternehmungenhandelt, die ihrer Natur nach eine Art von Monopolstellung aufihrem Produktionsgebiete einnehmen. Für die grofse Mehrzahl dereigentlichen kapitalistischen Konkurrenzunternehmungen wird dieNotdurft des Erwerbslebens eine gedeihliche Entwicklung desLehrlingswesens verhindern. Wir beobachten denn beispielsweiseauch in dem weiter fortgeschrittenen England, dafs die kapitalistischeIndustrie nicht geneigt ist, das Problem der gewerblichen Aus-bildung von sich aus zu lösen. So urteilen die kenntnisreichenW e b b s über den Stand der Frage in ihrer Heimat wie folgt 2 :„Was auch die schliefsliche Wirkung der erzieherischen Lehrzeitauf die Wohlfahrt des Gewerbes oder die Zukunft des Jungen seinmöge, direkt macht . . (sie sich für) die beteiligten Parteien inkeiner Weise bezahlt. Der Besitzer eines grofsen Betriebes hatkeine Lust, sich mit Jungen abzugeben, wenn er sie das ganzeGewerbe lehren soll. Selbst ein Lehrgeld von 20 bis 30 j£, dasihm der sparsame Vater bietet, ist keine Versuchung für denKapitalisten von heute, der wöchentlich hunderte von Pfunden an
1 Siehe die Liste bei Scheven, a. a. 0. S. 445 ff.
2 Sidney und Beatrice Wehb, Industrial Deraocracy. DeutscheAusgabe 2 (1898), 24.