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Drittes Buch. Die Theorie der gewerblichen Konkurrenz.
werk sich allen Unvollkommenheiten zum Trotz und wider alleBerechnung immer noch am Leben erhält. Wir kennen jetzt dieseBedingungen und können sie dahin formulieren, dafs wir sagen:
Das heutige Handwerk, soweit es nicht gehilfenloses Schein-handwerk ist, fristet sein Dasein weiter, so lange ihm dieGesetzgebung die Ausbeutung unreifer Arbeitskräfte inweiterem Umfange als der kapitalistischen Industrie gestattetund solange die Gesellschaft nicht Sorge dafür trägt, dafs dasheutige System der Lehrlingsausbeutung, das den völligenBankerott des gewerblichen Unterrichts bedeutet, einer denZeitumständen besser angepafsten Form der Lehre Platz macht.
Exkurs zu Kapitel 37.
Einige litterarische Notizen zur Frage der Lehrlings-ausbildung und Lehrlingsausbeutung.
Die Klagen über schlechte Ausbildung der Lehrlinge im ausgehendenMittelalter siehe in der Zusammenstellung bei Bücher, Gewerlil. Bildungs-frage S. 23 ff
Ein Urteil aus dem 18. Jahrhundert: „Ich will itzo nur des schlechtenUnterrichts erwähnen, den sie — sc. die Zünfte — ihren Lehrlingen erteilen,die dasjenige höchstens in einem Vierteljahre weit besser erlernen könnten,worüber sie drey, vier und mehr Jahre mit blofsem Absehen und Verrichtungaller Mägdearbeit zubringen müssen.“ von Justi, Staatswirtschaft 1 (1758), 292.
Noch Schm oll er kennt 1870 im wesentlichen nur die früheren Aus-beutungsformen; von denen, was wir heute - „Lehrlingszüchterei“ nennen, weifser noch so gut wie nichts. Vgl. z. B. Kleingewerbe 353/55.
Auch in den deutschen Enqueten der 1870er Jahre spielt dasnumerische Mißverhältnis der Zahl der Lehrlinge, also die „Lehrlingszüchterei“im eigentlichen Sinne noch keine grofse Rolle. In den Gutachten, die derVerein für Socialpolitik in jener Zeit sammelte (mitgeteilt in den Schriftendes Vereins f. Soc.-Pol. Bd. X. 1875), finde ich nur mit Bezug auf die Buch-drucker und zwar im Hinblick auf gröfsere Unternehmungen überhaupteine Erwähnung des Problems des Lehrlingsziicliterei. In der ungefähr gleich-zeitig erschienenen Reichsenquete (Ergebnisse der über die Verhältnisseder Lehrlinge, Gesellen und Fabrikarbeiter auf Beschlufs des Bumlesrats an-gestellten Erhebungen, zusammengestellt im Reichskanzleramt. 1877) findetsich im Gegenteil vielfach ein Hinweis auf fühlbaren Mangel an Lehr-lingen in den meisten Handwerken: vgl. a. a. 0., S. 75 ff., eine Be-obachtung, die durch andere Thatsachen bestätigt wird. So nahm beispiels-weise in der Berliner Tischlerei die Zahl der Lehrlinge von 1860 bis 1875 eherab als zu. Die in der Innung befindlichen Meister nahmen in die Lehre auf