Siebenunddreifsigstes Kap. Die Ausbeutung jugendl. Arbeitskräfte etc. 583
und liefsen einschreiben (berechnet nach den in den Schriften des V. f. S.P.a. a. 0. S. 39 mitgeteilten Tabellen):
T Durchschnittszahl
Jaür der Meister
1860/61—1864/65 1776
1865/66—1869/70 1684
1870/71-1874/75 1603
Lehrlinge
2011
1567
807
auf 100 Meisterentfielen Lehrlinge1139350
Eine Durchmusterung der Quellen damaliger Zeit ergiebt, dafs sich dasLehrlingsverhältnis in Deutschland in den 1870er Jahren in einemÜbergangsstadium befand. Schon wird geklagt, dafs die jungen Leute,von den Fabriken angelockt, „zu früh verdienen wollen“, statt Lehrgeld zu be-zahlen. Infolge davon: Kontraktbruch, „Verwilderung“ und andere Übel (Er-gebnis der Gutachten des V. f. S. P. und seiner Beratungen über diesenGegenstand: Schriften Bd. XI, 1875). Es beginnt aber als zweite Folge dieSitte des Lehrgeldnehmens gerade damals in Abnahme zu kommen. (Ergebnisder oben citierten Reichsenquete; vgl. a. a. 0. S. 75 ff.) Damit im Zusammen-hang steht das ebenfalls in jene Zeit fallende Verschwinden der häuslichenBeschäftigung des Lehrlings, die mehr und mehr abnimmt, „weil (wie ver-schiedentlich hervorgehoben wird) die Arbeitskraft des Lehrlings für einesolche Verwendung viel zu teuer sei“ (a. a. 0. S. 69 ff.). Blieb dem Meisteralso nichts übrig, als entweder auf die Annahme von Lehrlingen zu verzichten,oder die Arbeitskraft des Lehrlings im Produktionsprozefs entsprechend zunützen, ohne sie auszubilden. Letzteres bedeutete einen Bruch mit Jahr-hunderte alten Überlieferungen und stand mit der Handwerkerehre alten Stilsim Widerspruch. Daher zunächst es nur die „gewissenloseren“ (und meistweniger tüchtigen) Meister waren, die „Lehrlinge“ unter den neuen Bedingungenannahmen. Die fortschreitende Zersetzung des Handwerks hat dann jenenUnterschied in der Auffassung vom Wesen des Lehrlings bei den verschiedenenMeistern ausgeglichen, hat das moralische Empfinden nivelliert.
Aus der umfangreichen neueren Litteratur (vgl. auch meine Über-sicht in Brauns Archiv, Bd. IX) darf besonderes Interesse der Bericht desCentralvorstandes des Schweizerischen Gewerbevereins über seine dies-bezüglichen Untersuchungen, Verhandlungen und Beschlüsse beanspruchen, dieunter dem Titel „Die Förderung der Berufslehre beim Meister“ als Heft XI derGewerblichen Zeitfragen (1895) erschienen ist. Hier gewinnen wir für die Zu-stände in der Schweiz ein Bild, das im wesentlichen mit demjenigen über-einstimmt, das Scheven für Deutschland gezeichnet hatte. Mit ganz ver-schwindenden Ausnahmen kommen alle Gutachten zu dem Ergebnis: dals esdem gewerblichen Nachwuchs ebenso sehr an Schulbildung, wie vor allem anHandgeschicklichkeit fehle und dafs in allen Berufszweigen bereits heute einempfindlicher Mangel an tüchtigen Arbeitern herrsche. Auch wird als Grundin sehr vielen Fällen (obwohl es meistens Handwerker sind, die berichten) diemangelhafte Ausbildung der Lehrlinge angegeben, die großenteils von denweniger tüchtigen Meistern in Masse angenommen würden, weil sie hierkein Lehrgeld (oder geringeres) zu zahlen brauchten: a. a. 0. S. 34(Schneider), S. 54 (Schreiner), S. 59 (Glaser), S. 64 (Schlosser), S. 77 (Sattler).„Eltern und Vormünder ziehen gar oft kurze Lehrzeit und billiges Lehrgeldvor, statt tüchtige Meister mit guter Arbeit“ (S. 77). Es scheint demnach,