Geleitwort
XIX
Sozialismus“ den Anschein gewinnen könnte, als stände ich durch-gängig in einem grundsätzlichen Gegensätze zu diesem Genius. Davonist so wenig die Rede, daß ich vielmehr versichern kann: dieses Werkwill nichts anderes als eine Fortsetzung und in einem gewissen Sinnedie Vollendung des Marx sehen Werkes sein. So schroff ich die Welt-anschauung jenes Mannes ablehne und damit alles, was man jetzt zu-sammenfassend und wertbetonend als „Marxismus“ bezeichnet, sorückhaltlos bewundere ich ihn als Theoretiker und Historiker des Kapi-talismus. (Eine Zwiespältigkeit der Beurteilung, die ich von meinenersten Zeilen an, die ich über Marx geschrieben habe, als möglich an-erkennen mußte.) Und alles, was etwa Gutes in meinem Werke ist, ver-dankt es dem Geiste Marx. Was gewiß nicht ausschließt, daß ich nichtnur in Einzelheiten, ja in den meisten einzelnen Ansichten, sondernauch in wesentlichen Punkten der Gesamtauffassung von ihm abweiche.
Die Verschiedenheit der ganzen Anlage unserer Systeme und derErgebnisse, zu denen wir gelangen, ergibt sich mit einer gewisseninneren Notwendigkeit aus der Verschiedenheit der Zeiten, in denenwir unsere Bücher geschrieben haben. Als Marx seine Gedankenempfing (in den 1840 er Jahren), war der Kapitalismus Neuland, dasMarx entdeckte und als erster betrat: eine ungeheure Fülle neuerEindrücke strömte auf ihn ein. Ohne Bild gesprochen: wohin immerer blickte, boten sich neue, unerhörte Probleme seinem geistigen Augedar. Fragen über Fragen ließen sich tun. Und daß M a r x so meisterhaftzu fragen verstand, machte sein größtes Talent aus. Von seinen Fragenleben wir heute noch. Mit seiner genialen Fragestellung hat er derökonomischen Wissenschaft für ein Jahrhundert die Wege fruchtbarerForschung gewiesen. Alle Sozialökonomen, die sich diese Fragestellungnicht zu eigen zu machen wußten, waren zur Unfruchtbarkeit verdammt,wie wir heute schon mit Sicherheit feststellen können.
Aber auch was Marx an sachlicher Erkenntnis zutage geförderthat, ergab sich, wenn wir der Eigenart des Mannes genügend Rechnungtragen, aus den Zeitumständen, in denen er sein System entwarf. Da-mals war der Kapitalismus noch ein Chaos, ein wildes Durcheinander, vondem sich noch nicht mit Gewißheit sagenließ, was aus ihm werden würde.Wer an ihn mit der Leitidee der Entwicklung heran trat — und sie geradewar das Licht, das Marx brachte —, konnte seinen Werdegang, mandarf sagen: nach persönlichem Gutdünken, bestimmen. Er konnte ausihm die herrlichsten Dinge hervorgehen sehen, konnte das Chaos miteiner Wunderwelt trächtig sein lassen, konnte den Kapitalismus als