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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 1 (1927) Die Grundlagen - Der Aufbau
Entstehung
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Erster Abschnitt: Die treibenden Kräfte

Sachen sein könnten 1 . Aber auch dort, wo von bestimmten objektivenGegebenheiten offenbar Wirkungen ausgehen, müssen wir uns hüten, inihnentreibende Kräfte des Geschehens zu erblicken. So liebt man es,vornehmlich die Rechtsordnung, die Technik, die Bevölkerungsver-mehrung für den Verlauf des Wirtschaftslebens, zumal im Zeitalterdes Hochkapitalismus, verantwortlich zu machen. Gewiß mit Recht, wieausführlich im folgenden zu begründen sein wird, wenn man diese Um-stände als notwendige Bedingungen des Geschehens ansieht. Sehr zu Un-recht, wenn man in ihnen irgend eine treibende, veranlassende, bestim-mendeKraft glaubt feststellen zu können. Denn alle diese Dinge oder Ver-hältnisse setzen, um zur Wirksamkeit zu gelangen, irgend etwas hinterihnen Wirksames voraus.

Die Rechtsordnung gibt doch nur Verhaltungsmaßregeln, wennetwas geschieht. Sie ist Wegweisern und Warnungstafeln zu vergleichen,die wandernden Menschen die Richtung ihrer Wanderung weisen. DieErfahrung lehrt, daß der bloße Rechtszustand gar nichts zubewirkenvermag: eine freiheitliche Gewerbeordnung, wie etwa die preußische von18101811 bleibt ein toter Buchstabe, wenn keine Menschen da sind, dieeine Wirtschaft schaffen und betreiben wollen.

Dasselbe gilt von der Technik. Die treibende Kraft in der Dampf-maschine ist der Dampf: aber wer stellt die Dampfmaschine auf? Dietechnische Möglichkeit muß von irgend einer Kraft, die außerhalb derTechnik wirksam ist, erst verwirklicht werden. DieTechnik muß an-gewandt werden. Ein Volk kann über technisches Können in potentia ver-fügen und doch von ihm keinen Gebrauch machen wollen: die Chinesen,sagt man, stellen ihre technischenErfindungen in das Museum, ohnesie praktisch zu nutzen.

Aber auch die Bevölkerungsvermehrung, die gescheite Männerals die wesentliche Ursache der modernen, wirtschaftlichen Entwicklungangesehen haben, kann immer nur die Veranlassung zu irgend-welchen entscheidenden Handlungen werden: sie kann zur Völker-wanderung, zur Besiedlung neuer Länder, zur Ersinnung neuer Wirt-schaftsweisen führen und dadurch einen wesentlichen Einfluß auf denGang der Geschichte ausüben. Sie kann aber auch auch ohne alle solche

1 Daß wir von Ursachen und Wirkungen, Kräften und Bedingungensprechen können, was die Naturwissenschafter längst aufgehört haben zutun, ist das Privilegium derverstehenden Wissenschaften, die, wie schonSchopenhauer wußte, im Gegensatz zu den Naturwissenschaften hinterden Kulissen des Geschehens ihre Beobachtungen anstellen.