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3. Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus ; 1 (1927) Die Grundlagen - Der Aufbau
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Zweites Kapitel: Die neuen Führer

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von Eisenbahnlinien der Finanzmann eher Gelegenheit sich zu be-tätigen haben.

Es ist reizvoll, an einigen hervorragenden Unternehmerpersönlichkeitensich die mehr oder weniger vollkommene Verwirklichung der verschiedenenIdealtypen zu veranschaulichen. Auf dem Gebiete der Industrie sind vor-wiegend Fachmänner beispielmäßig: Alfred Krupp, Werner Siemens, ErnstAbbe, Robert Bosch; vorwiegend Kaufmänner: Emil Rathenau, FelixDeutsch ; vorwiegend Finanzmänner: die amerikanischen Trustmagnaten,in Europa etwa Loucheur oder Stinnes oder Otto Wolff. Henry Ford isteine eigentümliche Mischung von Fachmann und Kaufmann und mankann sagen Anti-Finanzmann, insofern vom modern-amerikanischen Stand-punkt aus gesehen a-typisch. Besonders deutlich unterscheiden sich dieTypen im Bereiche des Seeverkehrswesens: Männer wie H. H. Meier oderSlomann haben kaum noch gemeinsame Züge mit einem Mann wie Ballin,und von den beiden Typen hebt sich ein Name wie Harriman wiederumscharf ab.

Den Gegensatz zwischen Fachmann und Kaufmann vermögen wirmit Händen zu greifen, wenn wir das Wesen der beiden Begründer derdeutschen elektrischen Industrie: Werner Siemens und Emil Rathenau miteinander vergleichen. Die Selbstbiographien und Biographien dieserbeiden Männer gewähren uns einen ganz klaren Einblick in die Eigenartihrer Persönlichkeiten, von der im folgenden einige Züge festgehalten werdenmögen.

Siemens geht aus von seinen persönlichen Erfindungen: Durch seinewissenschaftlichen Arbeiten, durch neue Apparate, durch die Entdeckungund Anwendung der Selbsterregung der Dynamomagnete, desdynamo-elektrischen Prinzips, das den Bau und Betrieb von Dynamomaschinenvollständig umgestaltete und industriellen Betrieb ermöglichte, durch dieAusführung der ersten gangbaren elektrisch betriebenen Fahrzeuge aufSchienenbahn wurde Siemens bahnbrechender Erfinder.

Siemens war aber nicht bloß Forscher und Bahnbrecher, er war auchein außerordentlich starker Geschäftsgeist seltener Art. Er gehörte aberder Geschäftsführung nach mit den meisten Maschinenfabrikanten seinerZeit zur alten Generation von Technikern, die Geschäfte im gewöhnlichenSinne nicht lieben, die bloße Unternehmer wenig schätzen, die zwar selbstGeschäfte durchführen, mit ihrer persönlichen Betätigung dabei aber ganzim Hintergrund bleiben und diese Betätigung gegenüber der wissenschaft-lichen und technischen als minderwertig ansehen, deshalb auch wenigdavon sprechen. Die damalige Atmosphäre verlangte Betonung des Fort-schritts, nicht des Ertrages.

Geschäfte machen oder gar sich um Geschäfte bemühen nur um desErwerbes willen, für sich oder andere, galt früher und gilt vielen noch jetztals bedenklich. . . Das Siemenssche Unternehmen war einMitteldingzwischen einem wissenschaftlichen Institut und einer Behörde. Viele Kundendes alten Geschäftes waren auch eigenartig, waren Leiter wissenschaft-licher Anstalten, oft angesehene Persönlichkeiten, Gelehrte, die sich aber wieSombart , Hochkapitalismus. 2