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Erster Abschnitt: Die treibenden'Kräfte
Bittsteller in Ministerien verhielten, die Gestaltung ihrer Apparate erbatenund den Bescheid darüber entgegennahmen, wann die Sache etwa fertig-gestellt werden könne. Erörterungen über Preis und Lieferzeit waren mehrtheoretischer Art.“ . . . „Siemens ging nicht selbst darauf aus, Be-dürfnisse zu schaffen und zu vermehren oder Abnehmer fürseine Erzeugnisse zu gewinnen.“ A. Riedler, Emil Rathenau (1916),
S. 55—62.
Diese Biographie R.’s ist sehr anmutig und besonders wertvoll, weilsie von einer großen Liebe zu Rathenau getragen ist und aus dem Quellpersönlicher Beziehungen schöpft, wodurch es dem Verfasser gelungenist, die Besonderheiten des Rathenauschen Wesens deutlich herauszu-fühlen und zur Darstellung zu bringen. In wie schroffem Gegensatz diesesWesen zu dem eben skizzierten Siemensschen stand, ergibt sich schon ausder Art und Weise, wie Rathenau an seine Stelle als Mitbegründer derelektrischen Industrie gelangt. Rathenau ist zwar — zum Unterschiedevon Siemens — von Beruf Ingenieur. Aber, wie seine von Riedler mit-geteilte Selbstbiographie erweist, ohne rechte Lust und Liebe zu seinemBeruf. Er war auf technischem Gebiete unproduktiv. Er hat deshalb auchkeine eigene Erfindung gemacht, von der er zu seiner Unternehmertätig-keit hätte gelangen können. Diese, zu der er eine besondere Veranlagungbesaß, beginnt er vielmehr mit allerhand Versuchen auf den verschieden-sten Gebieten, von denen er sich einen pekuniären Erfolg verspricht.
Vor 1883 wirft er sich der Reihe nach auf folgende Gegenstände:
1. die Type einer Kleindampfmaschine;
2. einen Panzerturm
3. Eeldbefestigungen
4. Baracken
5. Minentorpedos
6. Stahlkessel;
7. Verarbeitung von Wellblechen ;
8. die ersten Dampfheizungen in den Waggons;
9. die ersten Niederdruck-Wasserheizungen in Wohnungen;
10. Kompressoren;
11. Dampfturbinen;
12. Umänderung des Visiers auf den veränderten Chassepotgewehren;
13. Schraubenschneidemaschinen;
14. Telephon;
15. Bogenlicht.
Dann begründet er im Jahre 1883 die Deutsche Edison-Gesellschaft,und zwar bezeichnenderweise dadurch, daß er die Edison-Patente erwirbt,danach sich in den Besitz von zahlreichen städtischen Konzessionen setztund günstige Verträge mit Siemens schließt. Sein Hauptaugenmerk istaber von vornherein auf die Ausweitung seines Unternehmens gerichtet.Hören wir, wie sein Biograph die Wesenheit des Geschäftsmannes Rathenau beschreibt!
Sein „Zukunftsauge“: „Rathenau erkannte, daß dem Glühlicht dieZukunft gehöre, daß es nicht nur die Lampe des Luxus sei, sondern auch
Kriegskonjunktur 1870/71