Zweites Kapitel: Die neuen Führer
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der Kleinbeleuchtung, selbst für Dachkammern und Stallungen, währenddas Bogenlicht keines von beiden sein könne.“ (Diese Einsicht stand derÜberzeugung auch der ersten Fachleute, wie Siemens, stracks entgegen.)
Sein Ziel von Anfang an: die Organisation der Massenfabrikation unddes Massenabsatzes: „Er hat mir, “schreibt Riedler a. a. 0. S. 37, „undvielen andern eingehend auseinandergesetzt, wie er sich richtige Massen-fabrikation denke, welche Maschinen, welche Organisation hierzu erforder-lich seien, was an Kosten auflaufe, was erspart, wie Verbilligung undGroßbetrieb erreicht werden . ..“ „Rathenau hat die amerikanische Massen-herstellung auf elektrotechnische Bedarfsgegenstände erfolgreich ange-wendet und ist der Bahnbrecher der Großfabrikation, des Großbetriebsder Elektrotechnik geworden“ (62).
Sehr treffend das zusammenfassende Urteil: „Er war Erfinder vonIndustrien, hat den industriellen Aufbau von Fabrikationen und Unter-nehmungen erdacht und durchgeführt, wie andere Maschinen erfindenund ausführen“ (126).
In Siemens und Rathenau sind also, wie wir sehen, zwei grund-verschiedene Auffassungen vom Sinn und der Bedeutung des Unternehmer-tums verkörpert; sie stellen in denkbarer Reinheit die beiden Typen desFachmanns und des Kaufmanns dar. Diese beiden Richtungen haben eineZeit lang scharf um die Vorherrschaft gekämpft und keine der beiden hates an entwertenden Urteilen über die andere fehlen lassen. Die Rathenauernannten die Siemensianer „rückständig“, „bureaukratisch verknöchert“;diese bezeichneten das Gebaren der andern als „Machenschaften vonHandelsleuten“ und brandmarkten das wirtschaftliche Streben der Gegnerals „Unternehmung“ im üblen Sinne. Besonders deutlich trat der Gegensatzin der verschiedenen Auffassung von der Beziehung zur Kundschaft zu-tage: die „alte“ Richtung huldigte dem noch wesentlich handwerklichenGrundsatz der fest abgegrenzten Kundschaft, die man an sich heran-kommen lassen müsse; die neue dem Prinzip der Eroberung, des Kunden-fangs. Es entsprach durchaus der Siemensschen Auffassung, wenn diese„den plötzlichen Einbruch in sein unbestrittenes Arbeitsgebiet... als frevel-haften Eingriff . . ., als einen Einbruch in sein Haus“ empfand, wie unswiederum Riedler (a. a. 0. S. 55—62) berichtet.
III. Die Herkunft
Neu sind die Wirtschaftsführer im Zeitalter des Hochkapitalismusendlich auch noch ihrer Herkunft nach.
1. Betrachten wir zunächst das Rekrutierungsgebiet der Unternehmer-schaft innerhalb eines bestimmten Volkskörpers, also ihre soziale Her-kunft, so läßt sich als das wichtigste Kennzeichen unserer Epoche eineweitgehende Demokratisierung des Führertums feststellen: dieleitenden Männer des Wirtschaftslebens steigen aus immer breiterenund somit immer tieferen Schichten der Bevölkerung auf.
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